Schwebebahn in Solingen, © Björn Troch, The Social Traveler

Drei Ta­ge, drei Städ­te... 30 Zen­ti­me­ter Neu­schnee


Ent­de­ckun­gen im Ber­gi­schen Städ­te­drei­eck

Lange habe ich gewartet. Doch jetzt bin ich endlich bereit. Für mein erstes Mal. Ob ich am Ende gar nicht genug bekomme? Bevor ich mir weitere Gedanken machen kann, schwebt mein heutiges Date auch schon herbei. Ganz in Hellblau. Jung und modern. Und dabei hat die Dame doch schon das ein oder andere Jährchen auf dem Buckel. 121, um genau zu sein. So lange schon ist die Schwebebahn das wichtigste und meist genutzte Fortbewegungsmittel in Wuppertal. Einzigartig in der Welt. Und was für die Wuppertaler tägliche Routine ist, ist für mich ein kleines Abenteuer. Ich schwebe.

So beginnt meine dreitägige Kurzreise in das Bergische Städtedreieck Wuppertal, Solingen und Remscheid also gleich mit einer Premiere. Eine Wanderung und eine Radtour - sowie eine ungeplante Überraschung - stehen noch auf dem Programm. Heute aber bin ich erstmal urban unterwegs. Beim Einsteigen schaukeln die Waggons der Schwebebahn ein wenig. Kein Problem. Ich vertraue dem „stählernen Drachen“, wie die Dichterin Else Lasker-Schüler die Schwebebahn einmal genannt hat. Denn schon schließen sich die Türen und nahezu geräuschlos gleitet der Zug über die Gleise in Richtung Oberbarmen. Gut 30 Minuten dauert die Fahrt zwischen den beiden Endstationen, zwischen denen die mächtigen grünen Stahlstreben das Stadtbild im Tal der Wupper bestimmen. Insgesamt 20 Bahnhöfe gibt es entlang der 13,3 Kilometer langen Strecke, auf der bald (2023) auch wieder der Kaiserwagen verkehrt. Ein rot leuchtender, historischer Waggon, in dem Kaiser Wilhelm II. und seine Gemahlin Auguste Viktoria einst zur Probefahrt in der neuen Erfindung aufbrachen. Ich mische mich heute unters Pendlervolk. Am Fenster versteht sich. Mit Blick nach unten. Es ist also schnell klar, welcher Passagier in Wuppertal zu Hause und wer hier heute Gast ist…

Hausfassaden in Wuppertal, © Malte Reiter

Wie zuletzt so oft, wenn ich auf Reisen gehe, ist das Wetter an diesem Tag nicht das allerbeste. Die richtigen Kapriolen, von denen ich noch nichts ahne, wird es allerdings erst später schlagen. Und überhaupt braucht es schon etwas mehr als ein paar Regentropfen, um mir die Laune zu verderben. Also werfe ich noch einen Blick auf die historische Stadthalle, hinein kann ich leider heute nicht, schaue im Luisenviertel in der Elberfelder Altstadt vorbei und mache noch einen kurzen Abstecher ins Villenviertel direkt am Zoo. Wuppertal muss einmal sehr reich gewesen sein, denke ich mir beim Anblick der vielen Gründerzeitbauten mit den prächtigen Erkern und Ornamenten. Ich habe recht. „Mit Beginn der Industrialisierung“, weiß Silke Lukas von der Tourismusregion Die Bergischen Drei, „wurde das Bergische Städtedreieck zu einem bedeutenden Wirtschaftsstandort in Deutschland. In Wuppertal war vor allem die Tuchindustrie ansässig“, erklärt mir meine kundige Reiseleiterin. „In Remscheid war es die Werkzeugindustrie, und nicht umsonst darf sich Solingen noch heute Klingenstadt nennen.“ Jede Menge Industriekultur also, die man in der Region erleben kann. Immerhin weiß ich jetzt, warum die Wupper einst als „fleißigster Fluss Deutschlands“ galt.

Auch Friedrich Engels, sonst gern in einem Atemzug mit Karl Marx genannt, war ein Sohn aus gutem Wuppertaler Hause. Vater und Großvater waren Fabrikanten, sie schickten den Jungen vom Barmer Bruch alsbald nach Manchester. Schließlich sollte er irgendwann das gut gehende Geschäft, eine Textilfabrik für Stoffe und Garne, übernehmen. Es kommt tatsächlich so. Friedrich Engels spekuliert später sogar an der Börse, wird ein überaus wohlhabender Mann. Aber seit seinem ersten Aufenthalt in England treibt ihn etwas um. Die Revolution und die Zuspitzung des Klassenkampfes.

So, so. Dann war der feine Herr Engels wohl so etwas wie ein Salon-Sozialist? Einer der Wein trinkt und Wasser predigt? Dr. Lars Bluma lacht. „Engels verstand schon gut zu leben“, sagt der Leiter des Wuppertaler Engels-Hauses. „Vielleicht war er auch so etwas wie ein Lebemann. Aber eben auch Revolutionär.“ Einer, der auf die Barrikaden ging, der nach der Revolution 1848 steckbrieflich gesucht wurde und dessen Nase von den Behörden als „proportioniert“ beschrieben wird. Auch war er sehr sportlich. Ein ausgezeichneter Fechter und Reiter. Außerdem Karikaturist und kritischer Journalist. Bis er irgendwann den „eher verkopften“ Philosophen Karl Marx kennenlernte und man begann, gemeinsame Sache im Sinne des (theoretischen) Kommunismus zu machen.

Erst vor wenigen Monaten, im September 2021, wurde das Engels-Haus nach umfangreichen Renovierungsarbeiten neu eröffnet. Demnächst soll das denkmalgeschützte Gebäude aus dem Jahr 1775 durch ein modernes Besucherzentrum mit dem Museum Industriekultur Wuppertal direkt verbunden sein. In der neu konzipierten Dauerausstellung fordern moderne Touchscreen- und Beamer-Technologie dazu auf, in die bürgerliche Alltagskultur der pietistischen Unternehmerfamilie Engels sowie in das politische Werk des Sohnes einzutauchen. Draußen, im mit frischen Frühlingsblumen bepflanzten Park haben sie dem „Spindoctor der Sozialdemokratie“ (Bluma) ein überdimensionales Denkmal gesetzt. Es war 2014 ein Geschenk aus China, so aufgestellt, dass sich die zahlreichen chinesischen Gäste gut mit ihm und seinem Geburtshaus fotografieren können. Eine etwas kleinere Statue steht gleich im Eingangsbereich des Museums hinter Glas. Erich Honecker hat sie der Stadt bei einem Staatsbesuch im Jahr 1987 geschenkt. Der ein oder andere erinnert sich vielleicht.

  • Engels-Haus in Wuppertal, © Tourismus NRW e.V., Anja Luckas
    Historische Stadthalle im Wuppertal, © Tourismus NRW e.V., Anja Luckas
    Das Luisenviertel in Wuppertal, © Malte Reiter
  • Schwebebahn in Wuppertal, © Tourismus NRW e.V., Johannes Höhn
Schieferfassaden in Solingen-Gräfrath, © Tourismus NRW e.V., Anja Luckas

Von Wuppertal steuere ich am Abend mein nächstes Ziel an. Solingen-Gräfrath. Fast wie eine kleine Enklave liegt der historische Ortskern mit den für die Region typischen Schieferhäuschen, weißem Fachwerk und grünen Fensterläden - übrigens auch Bergischer Barock genannt - zwischen Stadt auf der einen und Land auf der anderen Seite. Hier startet morgen meine gut zehn Kilometer lange Wanderung auf einer Etappe des insgesamt 216 Kilometer langen Bergischen Weges. Also stärke ich mich im urigen Brauhaus Gräfrather Klosterbräu mit einem deftigen Abendessen und gönne mir ein original Klosterbräu Alt, bevor ich mich im denkmalgeschützten Gräfrather Hof ganz stilecht zur Ruhe lege.

Der Tag kann kommen. Ich bin fit und auf alles vorbereitet. Sogar auf schlechtes Wetter. Doch den Schirm, den mein Wanderbegleiter Dominik mitgebracht hat, werden wir gar nicht brauchen. Umso besser. Immer den orangefarbenen Hinweisschildern folgend, werden wir bald zu Grenzgängern. Wir sind mal auf Solinger Gebiet, mal auf Wuppertaler Terrain. Mal zwischen Feldern und dann wieder im Wald. Hier grasen ein paar Kühe, dort stehen Pferde auf der Koppel. Auch wenn die Natur an diesem letzten März-Tag noch nicht vollständig erwacht ist, zeigt sich das Bergische Land durchaus abwechslungsreich. Erst recht im Arboretum Burgholz, dem größten Anbaugebiet fremdländischer Baumarten in Deutschland. Gehölze aus allen Kontinenten, von der Kolorado-Tanne über die chilenische Araukarie bis zur gemeinen Fichte, wachsen hier friedliebend nebeneinander. Und je nach Witterung duftet der Wald hier immer etwas anders.

Schloss Burg in Solingen, © Kristine Loew

Vor allem aber dürfte sich das Bergische Land auch Bergiges Land nennen. Denn die Anstiege, die wir auf unserer etwas verkürzten Etappe des Bergischen Weges zu Schloss Burg zu bewältigen haben, haben es mitunter in sich. Hätte ich mir auch denken können. Nur gut, dass es immer wieder auch mal bergab geht und ich mit Blick auf die umliegenden Dörfer ein wenig verschnaufen kann. Und dass als Höhepunkt unseres kleinen sportlichen Ausflugs etwas wartet, das in der Region nicht fehlen darf: Die Bergische Kaffeetafel. Sie hat ebenso Tradition wie das Café „Zur schönen Aussicht“. Von hier schweift der Blick weit über die umliegenden Wälder, darin eingebettet die kleine Fachwerkgemeinde Unterburg.

Oben, am Fuße des trutzigen Schlosses Burg wird derweil aufgetischt. Es gibt: Natürlich ein Kännchen Kaffee. Dazu Waffeln mit Milchreis und Zimt, Graubrot mit Schinken, Käse und Wurst, Stuten mit Quark und Kompott, Zwieback mit Zucker sowie Schwarzbrot mit Kuchen. Schwarzbrot mit Kuchen? Vielleicht eine etwas gewagte Kombination. Aber sie schmeckt.

Mithin steigen meine Ansprüche. Was es wohl morgen als Stärkung gibt? Nach unserer Radtour zum Museumsbahnhof in Dahlhausen, wo von Frühjahr bis Herbst die mit Muskelkraft betriebene Draisine (Wuppertrail) verkehrt. Ich bin gespannt.

  • Markierungszeichen vom Bergischen Weg, © Das Bergische, Maren Pussak
    Marktplatz von Solingen-Gräfrath, © Das Bergische, Maren Pussak
    Schloss Burg in Solingen, © Das Bergische, Maren Pussak
  • Dröppelminnas im Café "Zur schönen Aussicht", © Tourismus NRW e.V., Anja Luckas
    Bergische Kaffeetafel im Café "zur schönen Aussicht", © Tourismus NRW e.V., Anja Luckas
    Schloss Burg, Blick von der Seilbahn, © Kristine Loew

Doch dann kommt plötzlich alles ganz anders. Noch bevor ich meine Unterkunft für die nächste Nacht, das gediegene Hotel Fischer in Remscheid, erreiche und mir am Abend ein ausgezeichnetes Roastbeef mit Bratkartoffeln gönne, setzt Schneefall ein. Und es sieht nicht danach aus, dass dieser irgendwann wieder aufhört. Kein Scherz! Im Gegenteil. Wie sagte meine Großmutter noch: der April macht, was er will.

Bei 30 Zentimeter Neuschnee ist an eine Radtour natürlich nicht zu denken. Wie schade. Ich hatte mich tatsächlich gefreut, nach jahrelanger Abstinenz endlich mal wieder in die Pedale zu treten. Zumal die Radwege in der Region legendär sein sollen. Schließlich radelt man hier wie auf Schienen. Nämlich auf stillgelegten Bahntrassen. Das heißt, es gibt auf Strecken wie der Balkantrasse, auf der früher der „Balkanexpress“ zwischen Leverkusen-Opladen und Remscheid-Lennep verkehrte, oder der Korkenziehertrasse trotz der vielen Hügel und Täler nahezu keine Steigungen. Dafür jede Menge Felder und idyllisch eingebettete Hofschaften. Also genau die richtige Ausflugsroute für eher ungeübte Freizeitradlerinnen wie mich. Aber da aufgeschoben ja bekanntlich nicht aufgehoben ist, decke ich mich mit Flyern, Faltkarten und weiterem Infomaterial ein und bin in Gedanken schon bei meinem nächsten Ausflug ins Bergische Städtedreieck. Auf zwei Rädern und auf Schienen. Ich komme wieder. Versprochen!

Röntgenmuseum in Remscheid, © Tourismus NRW e.V., Anja Luckas

Für heute plane ich spontan um, fahre in den historischen Ortskern von Remscheid-Lennep und lasse mich, wie schon in Gräfrath, vom „Bergischen Dreiklang“ aus Schwarz, Weiß und Grün bezaubern. In einem dieser schmucken Schieferhäuser, erweitert um einen modernen Glasanbau, befindet sich das Deutsche Röntgenmuseum. Denn nur etwa 100 Meter von diesem Ort entfernt wurde am 27. März 1845 der Mann geboren, dessen Entdeckung der X-Strahlen den Grundstein für die heutige Radiologie legte und der im Jahr 1901 als erster Wissenschaftler überhaupt mit dem Nobelpreis für Physik ausgezeichnet wurde: Wilhelm Conrad Röntgen. Zwar wandert die Familie schon drei Jahre später ins holländische Apeldoorn aus und seine bahnbrechende Entdeckung macht Röntgen schließlich in Würzburg. „Aber geboren wurde er eben in Lennep“, sagt Birgit Dömling, stellvertretende Museumsleiterin. „Und ein bisschen beneiden sie uns in Würzburg auch um unser Haus.“

In der Schule gehörten die Naturwissenschaften nicht unbedingt zu meinen Lieblingsfächern. Im Gewölbekeller des Museums aber fährt mir ein wahrer Schauer über den Rücken. Fast ein wenig unheimlich und gleichzeitig faszinierend ist die Atmosphäre hier unten. Es gibt nur gedämpftes Licht. Hier und da flackert es im Laboratorium. Es ist lange her, dass ich Mary Shelleys Roman „Frankenstein“ gelesen habe, fährt es mir durch den Kopf beim Anblick der Versuchsaufbauten. Historische Hochspannungsapparaturen hängen an den Wänden. Eine menschliche Hand ist in Wachs konserviert. Zu Röntgens Lebzeiten wusste man noch nicht um die Gefahr der unsichtbaren Strahlung, die gleichwohl so viel Segen bringen sollte.

Schließlich werfen wir noch einen Blick in die Gegenwart und Zukunft. Denn längst werden Röntgenstrahlen nicht mehr nur in der Medizin angewandt, sondern sind aus der Materialprüfung nicht mehr wegzudenken. Ebenso aus der Kunstanalyse und aus der Mumienforschung. Auch kennt sie jeder vom Flughafen.

Wir sind wieder oben angekommen. Im lichtdurchfluteten Museumslabor, in dem Jugendliche selbst experimentieren können und so spielerisch an die Physik herangeführt werden. Ich überlege, ob ich mich hier einfach mal dazu schmuggeln soll. Ich habe schließlich versprochen, nochmal in die Region zu kommen. Mein Wort gilt! Und wenn ich mich rechtzeitig kümmere, kann ich die Radtour dann auch noch mit einem Blick in die prächtigen Säle der Historischen Stadthalle Wuppertal verbinden. Es wird sich sicher ein schönes Konzert finden lassen.

Autorin: Anja Luckas - Anja Luckas sitzt eigentlich für DeinNRW am Schreibtisch. Doch hin und wieder geht es für sie ins Outdoor-Büro. Dann spürt sie die schönsten und außergewöhnlichsten Orte in Nordrhein-Westfalen auf, um ihre ganz eigenen Geschichten darüber zu erzählen. 

  • Deutsches Röntgenmuseum in Remscheid, © vincentcroce
    Markierungszeichen Röntgenweg, © Tourismus NRW e.V., Anja Luckas
    Anja mit ihrem Fahrrad in Remscheid-Lennep, © Die Bergischen Drei, Holger Piwowar
  • Fassaden in Wuppertal, © Malte Reiter
    Die Wupper am Pfälzer Steg, © Wupperverband
    Großer Saal der historischen Stadthalle Wuppertal, © Johannes Höhn