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Schloss Nordkirchen Rückansicht , © Ilona Marx

Adel auf­'m Radl


Ent­de­ckun­gen im Müns­ter­land

Das Münsterland ist historischer Schauplatz des Westfälischen Friedens, aber auch Heimat von Kunst und moderner Nachhaltigkeit. Eine Entdeckungsreise führt entlang der 100-Schlösser-Route vom Münsteraner Prinzipalmarkt zu Wasserburgen, einem Forstmannshof und abgelegenen Landquartieren und fördert Geschichten zutage, die alles andere als verstaubt sind.

Was für ein Empfang! Im Zimmer Nr. 1 des Hotels Schloss Wilkinghege erwartet sie mich schon: Mit doppelt gescheitelter Frisur, Haarkrone und im festlichen Brokatkleid. Das Porträt der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff von Johann Joseph Sprick hat einen Ehrenplatz zwischen den zwei deckenhohen Sprossenfenstern, die den Blick über den alten Baumbestand des Schlossparks freigeben. Ob das hochwohlgeborene Fräulein auch schon in diesem Zimmer genächtigt hat? Gar nicht unwahrscheinlich. Schließlich gehörte das Wasserschloss vor den Toren von Münster zeitweise ihrem Bruder, Werner-Constantin Freiherr Droste zu Hülshoff.

Ich werde die nächsten Tage auf den Spuren des westfälischen Adels wandeln, besser gesagt: radeln. Das Münsterland ist berühmt für seine Radwege und dank seiner rund 1200 Jahre alten feudalen Geschichte mit Schlössern und Burgen, Herrensitzen und Gräftenhöfen gespickt, die alle durch die 960 Kilometer lange 100-Schlösser-Route miteinander verbunden sind.

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Blick auf die Altstadt von Münster, © @een_wasbeer-c-@een_wasbeer XD X3

Doch bevor ich mich auf die Reise zu den geschichtsträchtigen Bauten der Umgebung mache, möchte ich mir das Herz des Münsterlandes ansehen, jene Stadt, die nicht nur für ihre reiche religiöse und politische Vergangenheit, ihre Kunst- und Kulturschätze bekannt ist, sondern auch für ihren nachhaltigen Lebensstil: Münster.

Ein Bus sammelt mich an der Haltestelle Abzweig Wilkinghege ein und bringt mich direkt in die Innenstadt. Neben den vielfach mit E-Antrieb ausgerüsteten Bussen sind es vor allem die selbstbewusst in die Pedale tretenden Münsteraner Radfahrer, die den Verkehr im Zentrum bestimmen. Wie angenehm! Natürlich ist Vorsicht geboten, möchte man die Hauptverkehrsadern überqueren, beispielsweise die Promenade, die die Stadt ringförmig umschließt. In zügigem Tempo nähern sich drei Studentinnen auf ihren Hollandrädern: Ich rette mich mit einem großen Schritt an den Wegesrand. Doch die Lektion ist schnell gelernt und bald fühle ich mich wie in einem Modellversuch. Wie in einer Welt, die eine Zukunft lebt, von der man andernorts noch träumt.

Neben dem LWL-Museum für Kunst und Kultur am Domplatz, dass dank seiner Sammlung und der hochklassigen Ausstellungen regelmäßig von sich reden macht, beherbergt Münster auch das einzige Picasso-Museum Deutschlands. 800 Werke des weltberühmten Malers sind im Besitz des Hauses. Aktuell wird Plakatkunst gezeigt, vom Meister selbst, aber auch von anderen bekannten Künstlern. Von Henri de Toulouse-Lautrec, der mit seinen grellfarbenen Drucken für das Moulin Rouge einer der wichtigsten Vertreter der Plakatkunst um 1900 war, von Namensvetter Henri Matisse, den Eheleuten Sonia und Robert Delaunay und Joan Miró, aber auch von Popartkünstlern wie Keith Haring und Robert Rauschenberg.

Zwei Plakate von Picasso berühren mich am meisten: Eine Ausstellungsankündigung von 1973 zeigt eines seiner letzten Werke. Ein Selbstporträt als kleiner Junge, mit flottem Duktus und wenigen breiten Pinselstrichen auf die Leinwand gesetzt. Wie viele seiner späten Bilder zeugt es von seinem Wettlauf mit der Zeit. Die Eröffnung in Avignon erlebte Picasso nicht mehr – er starb wenige Wochen, nachdem er das Plakat in Druck gegeben hatte. Gegenüber findet sich Picassos ikonische Friedenstaube, eine Pinsellithographie. Sie war offizielles Plakat des 1949 abgehaltenen Weltkongresses der Partisanen des Friedens und die Picasso-Taube wurde später weltweit zum politischen Symbol. Erst durch dieses Werk wurde der französische Maler einem Millionenpublikum bekannt.

 

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Ilona Marx im Friedensaal Münster , © Martin Steinigen

Tatsächlich hat die Friedenstaube in Münster schon lange vor Picasso ganze Arbeit geleistet. In der Domstadt wurde 1648 der Westfälische Frieden geschlossen, der den Dreißigjährigen Krieg beendete. Auf dem Weg zum Friedenssaal im Historischen Rathaus von Münster, der Gedenkstätte dieses für Europa so fundamentalen Ereignisses, scheuche ich ein paar ihrer grau gefiederten Artgenossen auf, die über das Kopfsteinpflaster des Prinzipalmarktes stolzieren und wichtig gurrend ihre Hälse recken. Eine Gruppe von Schülern demonstriert vor der gotischen Fassade des Rathauses wie jeden Freitag für das Klima.

Im Innern ist es still und kühl. Draußen tobt die Gegenwart, hier, hinter der Tür des Friedenssaals, erwacht die Geschichte zum Leben. Als ich den mit Holzvertäfelungen und reichem Schnitzwerk verzierten Raum betrete, startet der Audioguide. Die Stimme aus dem Off berichtet über die jahrelangen Verhandlungen, die dem Westfälischen Friedensschluss vorausgingen. Ich schreite die Galerie der europäischen Gesandten, Diplomaten und Juristen zu meiner Linken ab und entdecke in der Mitte der obersten Reihe ein Jugendporträt Ludwigs des XIV., der rotwangig aus der Riege der dunkel gekleideten Würdenträger und Souveräne heraussticht. Ganz rechts in der Bilderreihe hat der Verhandlungsführer Fabio Chigi einen Ehrenplatz. Er war es, der die katholischen Gesandten, die in der näheren Umgebung untergebracht waren, regelmäßig besuchte, ihnen Botschaften übermittelte und mit ihnen beriet. Niemals, so lerne ich in der Audiotour, haben sich die Gesandten gemeinsam zur Beratung an einem Ort versammelt. Kein Wunder also, dass die Friedensverhandlungen sich über drei Jahre hinzogen! Meine Bewunderung gilt ganz dem diplomatischen Geschick von Chigi – er wurde später übrigens Papst.

1648, das historische Jahr, ist auch anderenorts in Münster noch sehr gegenwärtig. Das Café 1648 in der 11. und 12. Etage eines Neubaus in der Fußgängerzone ist allerdings fast ein Geheimtipp – wer den Ort nicht kennt, findet den unscheinbaren Seiteneingang an der Heinrich-Brüning-Straße nicht auf Anhieb. Dabei steht fest: Nirgendwo kann der Rundblick über die Stadt besser genossen werden als in den Designersesseln, die in gemütlichen Nischen vor den bodentiefen Fenstern warten. Ein Cappuccino oder Aperitif mit Blick auf den Dom, St. Lamberti und die Liebfrauenkirche, die zwischen den Dächern emporragen, sind ein besonderer Genuss.

Im Schatten der Clemenskirche, die wie das Münsteraner Schloss vom Meister des Westfälischen Barocks Johann Conrad Schlaun stammt, beschließe ich den Abend. Ob mein veganes Sellerie-Schnitzel mit regionalem Walnusspesto im Restaurant Feldmann von den Fridays-for-Future-Demonstranten gutgeheißen würde? Es schmeckt jedenfalls köstlich. Inhaber Christian Feldmann, dessen Urgroßmutter die Gastwirtschaft 1929 gründete, schafft mit seinem Küchenteam mühelos den Spagat zwischen Tradition und Moderne. Auch die drei Freundinnen am Nebentisch mit den gut sitzenden graumelierten Frisuren, die nach ihren Bucheinkäufen eingekehrt sind und bei einem Wiener Schnitzel über Literatur und Religion diskutieren, scheinen die frischen regionalen Zutaten und das münsterländische Ambiente im Feldmanns nicht zum ersten Mal zu genießen.  

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    Blick auf die Terrasse Hotel Schloss Wilkinghege , © Ilona Marx
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    Stadtansichten Münster , © Martin Steinigen
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    Picasso Plakat im Picasso Museum, © Ilona Marx
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    Bunte Kirchenfenster St. Lamberti Münster , © Ilona Marx
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    Aussenansicht LWL Museum für Kunst und Kultur , © Ilona Marx
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    Blick über Münster , © Ilona Marx
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Burg Vischering in Lüdinghausen, © Martin Steinigen

„Bis ins frühe 19. Jahrhundert war das Münsterland in kleine Herrschaftsgebiete zersplittert“, erklärt mir Swenja Janning, die Kulturreferentin des Kreises Coesfeld, am nächsten Morgen beim Rundgang auf Burg Vischering. Aha, daher also die große Dichte an Schlössern und Burgen in der Gegend! Einige von ihnen will ich heute auf einer Radtour erkunden, den tief hängenden Wolken zum Trotz. Mit dem Wassergraben, den Gräften, Wehrmauern und ihrer Zugbrücke ist Vischering eines der eindrucksvollsten Beispiele mittelalterlicher Wehrburgen, eine Bilderbuchburg, wie einer Kinderfantasie entsprungen. Und tatsächlich steht die Burg bei Kindern hoch im Kurs. Interaktive Medienstationen erklären Groß und Klein das mittelalterliche Leben aufs Anschaulichste und der ganze Adelssitz ist erfüllt von Geschichten und Anekdoten über das feudale Leben.

Besonders gruselig ist die Legende um eine blutige Fehde aus dem 15. Jahrhundert, in der ein alter Adelsherr und ein eisernes Halsband die Hauptrollen spielen: Swenja Janning führt mich in einen Raum, in dem das Corpus Delicti ausgestellt ist. „Die Legende handelt von einem Erbstreit zweier Familien. Eine um Liegenschaften buhlende Familie überfiel Ritter Lambert von Oer und legte ihm eine eiserne und mit gebogenen Dornen gespickte Halsmanschette um. Wenn er das umstrittene Land abgäbe, bekäme er den Schlüssel zum Schloss des Folterinstruments. Doch als waschechter, unbeugsamer Westfale dachte Ritter Lambert gar nicht daran, klein beizugeben. Er ritt die dreißig Kilometer nach Münster, um sich von einem Schmid von der grausamen Last befreien zu lassen.“ Schon allein der Anblick der spitzen Dornen an dem kiloschweren Kragen jagt mir einen Schauer über den Rücken.     

Als besonderes Schmankerl klettere ich mit Swenja Janning noch auf den Turm von Vischering, der für Besucher eigentlich nicht zugänglich ist. Der Blick von hier oben ins weite Land ist grandios und ich kann es kaum erwarten, die anderen Schlösser und Burgen zu erkunden. Wenig später radle ich hinaus in die Landschaft. Windsurfende Schwalbenschwärme begleiten mich und übertrumpfen sich gegenseitig mit waghalsigen Flugmanövern. Maisfelder und Eichenalleen bilden schnurgerade Korridore und ich habe doppelt Glück: Der Wind schiebt mich freundlicherweise gen Osten an und bläst gleichzeitig die Wolken beiseite. Stück für Stück wird immer mehr Himmel frei.  

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Schloss Westerwinkel Ascheberg , © Münsterland e.V. / Philipp Fölting

Nach einer guten halben Stunde Fahrt erreiche ich das Schloss Westerwinkel, eines der frühesten Barockwasserschlösser Westfalens, das, fernab einer größeren Ortschaft inmitten von mit Hecken eingefriedeten Wiesen gelegen, wie ein Dornröschenschloss wirkt. Die in sich geschlossene Vierflügelanlage ruht auf zwei Inseln in den malerischen Gräften. Die Pavillontürme sind mit Zwiebeldächern versehen, auf denen jeweils eine Wetterfahne prangt. In der das Schloss umgebenden Parkanlage gehen einige Golfspieler ihrer Leidenschaft nach. Das ist keine Seltenheit, insbesondere bei Schlössern, die in privatem Besitz sind. So ein Herrschaftsgebäude, das will ja auch unterhalten werden!

Über einhundert Schlösser gibt es im Münsterland zu entdecken. Darunter das Versailles Westfalens: Schloss Nordkirchen, etwa 26 Kilometer von Westerwinkel entfernt. Also weiter in die Pedale getreten! Auf der Allee, die zur Schlossanlage führt, überholt mich ein chromblitzender Opel Kapitän mit Tüllschleifen an den Seitenspiegeln. Eine Hochzeitsgesellschaft. Und, wie ich bald bemerke, nicht die einzige. Ein Brautpaar nach dem anderen fährt auf dem Schlossplatz vor, um sich vor der ausladenden barocken Fassade aus dem frühen 18. Jahrhundert fotografieren zu lassen. Die wehenden Schleier sind das i-Tüpfelchen in der ohnehin schon romantischen Kulisse. Ich umrunde das weitläufige Gebäude, radle durch den herrschaftlichen Park, um die Gartenansicht zu bewundern. Die Stufen des großen Wasserbassins, das sich an die Zierbeete anschließt, laden zum Verweilen ein.

 

Nach rund fünfzig Radfahrkilometern meldet sich ein kleiner Hunger. Gut, dass vor dem Abendessen noch ein Besuch im Forstmannshof der Familie Böcker ansteht. Junior Benedikt Böcker empfängt mich herzlich auf der Terrasse des Herrenhauses und gibt bereitwillig Auskunft: Vorfahr Anton Josef Böcker brannte 1848 den ersten Korn hier auf dem Hof, heute ist insbesondere der Himbeerbrand der Familie bekannt. Warum, wird schnell klar: Der Duft, der mir in die Nase steigt, nachdem Benedikt Böcker eine Flasche zur Verköstigung geöffnet hat, entführt mich auf eine Himbeerplantage. Acht Kilo Früchte wandern in einen einzigen Liter Himbeerbrand. Verkauft wird er auch im Hofladen, neben weiteren Schnäpsen und Likören. Aber auch frische Himbeeren, Erdbeeren und Spargel gehören zum Angebot, außerdem Marmeladen und verschiedene Honigsorten, geräucherte und luftgetrocknete Würsten und, und, und.

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Burg Hülshoff in Havixbeck, © Ralph Sondermann, Tourismus NRW

Am nächsten Morgen weckt mich die Sonne. Heute steht ein Besuch bei der Familie von Droste-Hülshoff auf dem Programm. Auf dem Landsitz Haus Rüschhaus, einer Mischung aus westfälischem Bauernhof und barockem Herrensitz, der nur wenige Radfahrminuten vom Hotel Wilkinghege entfernt ist, lebte Annette von Droste-Hülshoff nach dem Tod ihres Vaters gemeinsam mit ihrer Mutter und Schwester. In dieser selbstgewählten Einsamkeit entstanden viele ihrer wichtigsten Werke. In einer anderen, mondäneren Welt verbrachte sie hingegen ihre ersten dreißig Lebensjahre, auf Burg Hülshoff, einem Wasserschloss, nur zehn Kilometer von Haus Rüschhaus entfernt. Seit dem Ende des 15. Jahrhunderts in Familienbesitz ist die backsteinerne Renaissance-Anlage heute ein Museum, das Einblick in die Lebensgewohnheiten des Münsteraner Adels zu Zeiten des Klassizismus gibt. Hier begegnet sie mir wieder, die Ausnahmedichterin, die für ihre Zeit als radikal emanzipiert galt und gesellschaftliche Themen in den Mittelpunkt ihres Schaffens stellte: Im elegant möblierten Speisesaal der Familie hängt ein weiteres Ölporträt von ihr, das dem, welches auf Schloss Wilkinghege meinen Schlaf bewacht hat, zum Verwechseln gleicht. Offenbar hat es Johann Joseph Sprick in mehreren Ausführungen angefertigt. Ich freue mich über den schon gewohnten Anblick, scheint es doch fast so, als wolle Annette von Droste-Hülshoff mich nach meiner dreitägigen Reise durch ihre Heimat persönlich und formvollendet verabschieden.

Die allerletzte Botschaft jedoch überbringt mir der Künstler Robert Montgomery, der im Schlosspark eine Leuchtschrift installiert hat: „When we are gone, the trees will riot“. Die Burg Hülshoff dient heute auch als Center for Literature, als Ort der Literaturvermittlung und interdisziplinärer Treffpunkt der Künste und Wissenschaften. Das riesige Gelände bietet beste Bedingungen für Performances, Lesungen, Festivals, Vorträge und Workshops. Ich öffne den mit allerlei veganen Köstlichkeiten gepackten Picknickkorb aus dem Burgrestaurant. Geschichte, Genuss, Nachhaltigkeit und Zeitgeist, das sind die Pfunde, mit denen das Münsterland wuchern kann.


Autorin: Ilona Marx - Ilona Marx hat bereits zahlreiche Metropolen in NRW und der ganzen Welt bereist. Das Herz der Autorin, Texterin und Trendberaterin schlägt schon seit ihrer Jugend für Kultur, Mode und Design.

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    Fahrradtour am Schloss Westerwinkel, © Martin Steinigen
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    Schloss Westerwinkel , © Ilona Marx
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    Gelbe Craspedia am Wegesrand, © Ilona Marx
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    Vorderansicht Burg Hülshoff , © Ilona Marx
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    Droste-Museum Burg Hülshoff , © Ilona Marx
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    Installation an Burg Hülshoff , © Ilona Marx