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Blick vom Schloss Moyland über die Wälder, © Tourismus NRW e.V.

Kunst küsst Ge­schich­te


Ent­de­ckun­gen am Nie­der­rhein

Am Niederrhein ist das Land so flach, dass man heute schon sieht, wer morgen zu Besuch kommt. Statt mit Berg und Tal lockt die Gegend am unteren Rheinverlauf mit anderen Höhepunkten: alten Römerstädten, mittelalterlichen Kirchenschätzen und wichtigen Lebensstationen von Joseph Beuys. Eine Radtour, bei der man nicht so schnell aus der Puste kommt – dafür aber regelmäßig ins Staunen.

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Ansicht des Ufers und des Wassers bei Sonnenuntergang am Diersfordter Waldsee am Niederrhein, © Tourismus NRW e.V.

Morgennebel liegt über dem Niederrhein. „Bis Mittag sollte es aber aufklaren“, sagt die Mitarbeiterin des Landhauses Beckmann in Kalkar, als sie mir das Leihfahrrad auf den Hof schiebt. Und sie gibt mir gleich noch die Faustregel der Einheimischen mit auf den Weg: „Wenn der Dunst bis mittags nicht weg ist, bleibt er.“ Mir also bleiben noch ein paar Stunden Hoffnung auf Sonne, und so trete ich in die Pedale, tauche ein in die frühherbstlich frische Luft und das weiche, weißliche Licht. Die nächsten beiden Tage möchte ich die Höhepunkte des Niederrheins erkunden – per Pedelec. Denn die Gegend ist zwar flach wie ein Pfannkuchen, es stehen aber einige Dutzend Radfahrkilometer auf dem Plan.

Die morgendliche Frische belebt meine Sinne. Und gehört der Nebel nicht zum Niederrhein wie die Butter zum Spargel? Als ich Kalkar verlasse, begegnen mir Szenen, wie ich sie während meines Frühstücks im Landhaus Beckmann auf zahlreichen Fotografien bewundert habe: verschwommene Kopfweiden, aufgereiht an nebligen Bachläufen, schemenhafte Schafe, die im Dunst des Deichgrases weiden, Pappelalleen, die mystisch im Nichts enden. Aufgelockert wird das Bild von dunkelvioletten und orangefarbenen Tupfen: Holunder und Hagebutten am Wegesrand sind um diese Jahreszeit erntebereit. Dazwischen ausgedehnte Wiesen und Felder und hier und da eine Gänsefarm, in deren Freilaufgehege sich die rechtmäßigen Bewohner ihr Frühstück mit den ungebeten dazugekommenen Dohlen teilen.

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Felder am Niederrhein, © Martin Steinigen

Die Region des Niederrheins ist überzogen mit einem dichten Radwegenetz, die zahlreichen Schilder mit Orts- und Kilometerangaben sind an jeder Wegkreuzung zu finden. Mich führen sie heute rheinaufwärts nach Kleve. Ich folge der Strecke auf einem Deich, der parallel zur Landstraße verläuft, der höchsten, weil menschengemachten, Erhebung weit und breit. Aus einem Feld zu meiner Linken erhebt sich die große dunkle Wolke eines Vogelschwarms. Sie steigt rasch nach oben, wird dichter und wieder loser, wabert nach rechts und schert nach links aus, formt Figuren wie ein einziger vielgestaltiger Organismus. Es sind aberhunderte von Staren, die nun ein Stück weiter zu einer schwarzen Perlenkette formiert auf einer Hochspannungsleitung landen. Nach wenigen Minuten stürzen sie sich wieder hinab, abermals einer geheimnisvollen Choreografie folgend, und das faszinierende Flugschauspiel wiederholt sich.

Gerne hätte ich die Formationsfliegerei weiter bewundert, doch die Stare sind auf dem Weg in den Süden und ich bin nach Norden unterwegs. Ich radle heute auf den Spuren von Joseph Beuys, der in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte. Mein erster Halt wird Kleve gelten, der Stadt, in der Beuys aufgewachsen ist und in die er nach dem Krieg traumatisiert zurückkehrte, um hier im teilweise zerstörten Kurhaus sein erstes Atelier anzumieten.

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Museum Kurhaus Kleve, © Ilona Marx

Heute verbirgt sich hinter der klassizistischen Fassade des wiedererrichteten Gebäudes das Museum Kurhaus Kleve, kurz MKK, das dem berühmten Sohn der Stadt im Jubiläumsjahr gleich zwei Ausstellungen widmet. Rings um sein ehemaliges, 70 Quadratmeter großes Schaffensrefugium, das sich im Westflügel des Baus befindet, wird die Ausstellung ‚Intuition! Dimensionen des Frühwerks‘ gezeigt. Ich wandere von Zeichnung zu Zeichnung, bewundere die unter der Überschrift ‚Poesie‘ subsumierten zarten Landschaften, die Aktzeichnungen und Frauenporträts und entdecke in einem Raum, der dem Thema ‚Naturwissenschaften‘ gewidmet ist, einige seiner frühen Materialstudien. Die Schau vermittelt eine Idee vom geistigen Kosmos des jungen Beuys’ – der späte, weltberühmte Beuys ist in der zweiten Ausstellung in der großen Wandelhalle des Kurhauses zu finden, in der einige der wichtigsten Positionen aus der Sammlung zusammengetragen wurden.

Am Ende des lang gestreckten Saales erwartet mich die wuchtige Skulptur ‚Badewanne‘. Was für ein Kontrast zu den feinen Bleistiftzeichnungen, die ich eben noch bewundert habe! Die monumentale Plastik, die einem Mammutzahn nachempfunden ist, wurde 1987, ein Jahr nach dem Tod des Künstlers, nach seinen Plänen angefertigt und ist eine Mischung aus Badewanne, Ofen und Schlitten, allesamt wichtige Motive in Beuys’ Werk. Ich umrunde die Skulptur aus Blei, Bronze und Kupfer und spüre fast körperlich die Wärme, die sie abzustrahlen scheint. Oder wärmt mich etwa die Sonne, die sich durch den Nebel gekämpft hat und durch die lange Fensterfront hineinbricht? Vis-à-vis dem Museum liegen die historischen Gartenanlagen, die Johann Moritz von Nassau-Siegen, der damalige Statthalter im Herzogtum Kleve, in der Mitte des 17. Jahrhunderts anlegen ließ, und der Forstgarten, den der klevische Kammerpräsident Julius Ernst von Buggenhagen 1782 hinzufügte, nun in strahlendem Sonnenschein. Gebändigte, geometrische Naturschönheit hier und auf der anderen Seite ein Arboretum aus verschiedenen fremdländischen Gehölzen, die nach Art eines botanischen Gartens idyllisch um einige Teiche gruppiert sind. Nach dem ausgiebigen Kunstgenuss zieht es mich zurück in die Natur.

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    Audiostation im Museum Kurhaus Kleve, © Martin Steinigen
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    Museum Kurhaus Kleve Parklandschaft Header, © Ilona Marx
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    Museum Kurhaus Kleve Kurpark, © Martin Steinigen
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    Schafe auf den Grünflächen der Parkanlage des Museum Kurshaus Kleve, © Ilona Marx
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    Blumenstrauch auf dem Voltaireweg Kleve, © Ilona Marx
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    Museum Kurhaus Kleve Büffelskulptur Beuys, © Ilona Marx

Rund einhundert Jahre, nachdem der Prinz von Nassau-Siegen seiner Liebe zur hiesigen Flora mit der barocken Parkanlage zu einem mustergültigen Ausdruck verholfen hatte, war der große Philosoph Voltaire am Niederrhein zu Besuch – und ebenfalls von der landschaftlichen Schönheit der Umgebung begeistert. Nach ihm ist heute ein Wander- und Radweg benannt, der mich nun über Wiesen und Felder von Kleve aus nach Bedburg-Hau, genauer gesagt zum Schloss Moyland führt, dorthin, wo sich die Spur zu Joseph Beuys und seiner Kunst weiterverfolgen lässt. Denn in der 6000 Werke umfassenden Sammlung der Stiftung Museum Schloss Moyland und im zugehörigen Joseph Beuys Archiv lebt das Erbe des bedeutendsten deutschen Künstlers fort.

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Das Museum Schloss Moyland ist ein Anlaufpunkt für Beuys-Fans am Niederrhein, © Ilona Marx

Ich überquere den Burggraben der imposanten Anlage und nehme im schattigen Innenhof die Stufen hinauf zur schweren Eingangstür. Voltaire traf sich hier anno 1740 mit dem preußischen König Friedrich II., und ich wette, die beiden hohen Herren sind ebenfalls auf den Nordturm gestiegen, um die kilometerweite Aussicht zu genießen. Grüntöne, so weit das Auge reicht! Die Gebäude zu Füßen des Turmes sind in warmes  Nachmittagslicht getaucht. Die eigentlich mittelalterliche, vierflügelige Burg hat einige markante Umbauten im barocken und neugotischen Stil erfahren. Breite und runde Türme mit markanten Zinnen treffen auf überschlanke, spitze, fast minarettartige Ergänzungen. Architekturkenner würden den Stil wohl als eklektisch bezeichnen, mir gefällt jedenfalls, dass bei diesem Bau der Architekturkanon außer Kraft gesetzt scheint. Beuys, dem Erfinder des erweiterten Kunstbegriffs, wäre es vielleicht ähnlich gegangen. Regeln zu brechen und Grenzen zu überschreiten war schließlich Teil seiner Biografie.

Ebenso wie der Hang zum Schamanismus. Anlässlich des großen Jubiläumsjahrs zeigt das Museum die Ausstellung ‚Joseph Beuys und die Schamanen‘. Hier werden seine Kunstwerke ethnologischen Objekten indigener schamanischer Lebenswelten gegenübergestellt. Ich bewundere die Trommeln aus bemalter Rentierhaut, eine Gruppe hölzerner Familiengeister, einen reich verzierten Walrosszahn und einst von Schamanen getragene Gewänder. Den opulent ausgestatteten Kleidungsstücken steht im selben Raum der ikonische Beuys’sche Filzanzug gegenüber, schlicht und grau. Er ist eines der einprägsamsten Werke des Künstlers und übt eine geradezu mystische Anziehungskraft aus.

Neben Filz und Fett spielt der Schlitten im Werk des Malers und Bildhauers eine zentrale Rolle. Er begegnet mir als Zeichnung, in Braunkreuzfarbe, mit Elchen und Menschen beladen. Sein Anblick entführt mich in die Eurasische Steppe – die Zeit flieht wie die langgestreckten Tiere auf den Beuys’schen Holzschnitten, und bald geht der inspirierende, erfüllte Tag zur Neige. Ich beschließe ihn auf dem mittelalterlichen Marktplatz von Kalkar, auf der Terrasse des traditionsreichen Ratskellers, dessen Küchenchef erst Fisch und dann Frischling auf den Tisch zaubert.

Am nächsten Tag spannt sich der Himmel blau und weit über das flache Land. Kaiserwetter! Heute steht eine Tour nach Xanten an. Das dortige Römerlager, die einstige Colonia Ulpia Traiana, war eine der bedeutendsten Städte in den germanischen Provinzen Roms.

Der Radweg führt von Kalkar durch grüne Auen, Obstwiesen und Weiden, mäandert durch Maisfelder und taucht in kleine Wäldchen ein. Als ich die Ortschaft Marienbaum passiere, höre ich ein vertrautes Klappern. In einem Garten am Wegesrand hat ein Storchenpaar ein Nest auf einer zehn Meter hohen Stele bezogen und macht nun lautstark auf sich aufmerksam. Der Gartenbesitzer, der gerade auf einer Bank die Morgensonne genießt, ist ein großer Vogelfreund und lässt mich wissen, dass südlich von Xanten, im RVR-NaturForum Bislicher Insel, in diesem Jahr ein Seeadlerpärchen nistet. Und die kleinen, faszinierend bunten Eisvögel soll es dort ebenfalls geben. Leider ist Vogelbeobachtung nichts, das man im Vorübergehen betreiben könnte, und bei mir steht heute ja eine Zeitreise in die Antike auf dem Programm. Also weiter!

Der Radweg trifft auf einen Rhein-Deich und verläuft nun parallel zum großen Fluss. Ich versuche kurz, auf meinem Pedelec mit den großen Lastschiffen mitzuhalten, die den Rhein aufwärtsfahren, lasse es bald aber wieder sein. Kurz vor Xanten erwarten mich zwei große Seen, der Nordsee und der Südsee, die Teil eines schönen Naherholungsgebiets sind. Die Wasserskifahrerinnen und ein Wakeboarder, die auf dem Südsee ihre Tricks zeigen, fesseln einige Minuten meine Aufmerksamkeit. Im nahe gelegenen Hafen herrscht sonntäglicher Andrang. Dahinter erheben sich die Silhouetten des Amphitheaters und des Xantener Doms. Was für ein geschichtsträchtiges Panorama.

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Ein Radweg führt durch die idyllische Landschaft des Xantener Stadtteils Marienbaum, © Ilona Marx
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APX Archäologischer Park Xanten Arena, © Ilona Marx

Das Besondere an der Römerstadt Xanten ist, dass sie nie überbaut wurde. Daher liegen ihre Überreste nur wenige Zentimeter unter den Wiesen im Boden verborgen. Ein wahrer Glücksfall für die Archäologie. Zur Blütezeit der Stadt, im zweiten Jahrhundert nach Christus, lebten hier rund zehntausend Männer und Frauen. Tempel, Bäder, Wohnhäuser, Werkstätten, Unterkünfte – unzählige Originalfunde fügen sich wie Mosaiksteine zu einem Bild, das das Leben in einer der größten Metropolen der germanischen Provinzen geradezu plastisch werden lässt.

Die Steine, die die Römer dank des nahen Hafens in die nach ihrem Gründer benannte Colonia Ulpia Traiana brachten, stammten aus dem Rheinschiefergebirge, aber auch italienischer und griechischer Marmor wurde an den steinarmen Niederrhein geschafft.

Ich steige die Stufen zum Hafentempel hinauf, dessen Fragment vor dreißig Jahren in Originalgröße und unter Verwendung der Originalmaterialien wiedererrichtet wurde, lege den Kopf weit in den Nacken und bekomme allein durch die Höhe und den Umfang der Säulen eine Ahnung, welche Dimensionen die Gebäude dieser Stadt vor knapp zweitausend Jahren besaßen. Auch die freigelegten Thermen, die im Römermuseum zu besichtigen sind, erzählen beredet vom Dolce Vita der Stadtbewohner, darunter viele ehemalige Soldaten, die sich nach dem Staatsdienst mit ihren Familien am Rhein niedergelassen hatten.

Ich nehme auf den sonnengewärmten Steinrängen des Amphitheaters Platz. Von hier aus ist der Doppelturm der Kirche von Xanten zu sehen, vor meinem geistigen Auge jedoch spielen sich Filmszenen aus ‚Ben Hur‘ und ‚The Gladiator‘ ab. Welche Kämpfe wohl in dieser Arena stattgefunden haben mögen? Fest steht: Das Ende der Römerstadt selbst war gewaltsam. Die sich auf Völkerwanderung befindlichen Franken überfielen und überrannten die blühende Stadt Ende des dritten Jahrhunderts. Die schwer zu beschaffenden Baumaterialien verschleppte man in alle Himmelsrichtungen. Einige wurden beim Aufbau der benachbarten mittelalterlichen Stadt verwendet.

Ich verlasse den LVR-Archäologischen Park Xanten und folge der Spur der Steine. Auf den Straßen der Fußgängerzone herrscht reges Treiben. Sonntagsausflügler umschwärmen eine Eisdiele, mir ist jedoch nach Herzhaftem. Das vegane Restaurant Petersilchen erfreut sich größter Beliebtheit und nach einem großen Teller mit Kartoffelstampf und gebratenem Endiviensalat fühle ich mich gestärkt für eine letzte Besichtigung.

Also auf zur Stiftskirche St. Viktor, wegen ihrer Größe und Prägnanz auch als Dom von Xanten bezeichnet. Die schräg durch die farbigen Fenster einfallende Abendsonne taucht das Innere der fünfschiffigen gotischen Basilika in rotes Licht. Ganze 281 Jahre hat der Bau gedauert! Der prächtige Hochaltar mit seinem edelsteinbesetzten Schrein, einem der ältesten im Rheinland, gilt als bedeutendstes Heiligtum des Domschatzes und soll die Gebeine des heiligen Viktor enthalten. Und der ruht hier schon lange, seit 1128 nämlich. Ich bin beeindruckt. Was für eine umfassende Lehrstunde in Geschichte ich heute bekommen habe! Durch den Kreuzgang verlasse ich den Dom und den ihn umgebenden Immunitätsbezirk und schiebe mein Fahrrad durch das Klever Tor stadtauswärts. Das Stiftsmuseum nehme ich mir für den nächsten Ausflug vor, genauso wie ein Bad im Südsee und ein Besuch bei den Seeadlern auf der Bislicher Insel. Ich werde es halten wie die Zugvögel. Ich komme wieder.


Autorin: Ilona Marx - Ilona Marx hat bereits zahlreiche Metropolen in NRW und der ganzen Welt bereist. Das Herz der Autorin, Texterin und Trendberaterin schlägt schon seit ihrer Jugend für Kultur, Mode und Design.

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    Eine der vielen Statuen auf dem Gelände des Museums Schloss Moyland, © Martin Steinigen
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    Ilona Marx im Park von Schloss Moyland, © Martin Steinigen
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    Ausstellung Beuys und die Schamanen im Museum Schloss Moyland, © Martin Steinigen
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    Der Hafentempel im Archäologischen Park Xanten zählt zu den Hauptsehenswürdigkeiten, © Ilona Marx
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    Storchennester finden sich am Niederrhein häufiger. So auch in Xanten, © Ilona Marx
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    Die Stiftskirche St. Viktor wird wegen ihrer Ausmaße auch der Dom von Xanten bezeichnet, © Ilona Marx