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Band Erdmöbel geben Konzert über den Dächern Köln, © KölnTourismus Axel Schulten

Die Reportage zum Sound of Köln


Zum Nabel der Welt und zurück

Köln ist vermutlich nicht die coolste aller Städte. Das Geld wird in Frankfurt bewegt, die Mode in Düsseldorf entworfen, der Zeitgeist in Berlin bestimmt, die Schnoddrigkeit in Hamburg gelebt. In Köln steht der Dom. Ansonsten sind auswärtige Besucher gerne einmal erschrocken von der Schmucklosigkeit der Stadt. Die Redaktion der Berliner „Vice“ schrieb im vergangenen Jahr, Köln sei der so etwas wie Lothar Matthäus als Stadt: „Völlig von sich selbst überzeugt. Und das, obwohl es objektiv nicht viele Gründe dafür gibt.“ Gleichwohl lieben Kreative das Arbeiten und Leben am Rhein – Bildende Kunst und Galerien, eine reiche Theaterszene, Urban Arts und Film, zeitgenössische Musikavantgarde und Jazz sind hier daheim. Und allzu oft verdeckt der Blick auf Beatles- und Subkultur-Hamburg, auf Kraftwerk- und Ratinger-Hof-Düsseldorf oder auf Elektro- und Hype-Berlin die innovative und international hochgeschätzte Popgeschichte und Popgegenwart Kölns. Die Domstadt ist ohne Zweifel der Underdog unter den deutschen Musikstädten. Und am Anfang von allem stehen Can.  

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Can Illustration, © Saskia Wragge
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Studio für Elektronische Musik Lawo PTR WDR Cologne, © McNitefly [CC BY-SA 3.0  (httpscreativecommons.orglicensesby-sa3.0)], from Wikimedia Commons

Von Stockhausen zu Can


Die Geburtsstunde deutscher Rockmusik

Es ist Karnevalssonntag, als wir in die Kölner Südstadt spazieren, um Irmin Schmidt zum Interview zu treffen. Aus den Kneipen der Severinstraße klingen die immer gleichen Karnevalsschlager von Bands wie Brings, den Höhnern oder Kasalla, die man in der Stadt so liebt und im Rest des Landes kaum kennt. Es hat etwas Kurioses, zwischen bepappnasten Jecken auf dem Weg zu dem Keyboarder der international hochgeachteten Band Can zu sein, um mit ihm über Karlheinz Stockhausen, Avantgarde-Jazz und experimentelle Rockmusik zu sprechen. Wir haben Glück, Schmidt überhaupt in Köln anzutreffen. Seit langem schon lebt er in der Provence, wo er als Film-, Opern- und Ballettkomponist arbeitet. Er sei auch eigentlich in der Stadt, um mit seiner Enkelin Karneval zu feiern, sagt er zu Beginn unseres Gesprächs.

Der 1937 in Berlin geborene Schmidt ist bereits ein fertig ausgebildeter Musiker, als er Mitte der 1960er Jahre nach Köln kommt. Schon zu Schulzeiten dirigiert er und schließt dann in Dortmund eine Ausbildung als Klavierlehrer mit Auszeichnung ab. Er gründet das Dortmunder Ensemble für Neue Musik, arbeitet deutschlandweit als Dirigent und studiert anschließend in Essen und in Salzburg. Nach Köln ziehen ihn die Kölner Kurse für Neue Musik von Karlheinz Stockhausen. „Damals war Köln eine wirklich aufregende Stadt“, erzählt er. „Es war das Zentrum der deutschen Galerieszene und des Free Jazz. Dazu Stockhausen und die Neue-Musik-Szene, zum Beispiel mit dem WDR und den Symphoniekonzerten mit Neuer Musik. Das war meine Welt damals, und deshalb bin ich nach Köln gekommen.“ 

Parallel zu seinem Studium veranstaltet Schmidt Happenings und Ausstellungen und bleibt als Dirigent aktiv. Der Deutsche Musikrat schickt ihn daraufhin 1966 als Stipendiat zum renommierten Mitropoulos-Dirigierwettbewerb nach New York. Dort lernt er Komponisten der elektronischen und minimalistischen Musik kennen und spielt mit ihnen zusammen. Diese Bekanntschaften, besonders die zu Steve Reich und Terry Riley, verändern sein Bild vom Musikmachen: „Als ich zurück nach Köln kam, erschien mir die Aufteilung in E- und U-Musik völlig gespenstisch. Es ist ja wunderbar, Dvorak und Brahms zu dirigieren und würde mir auch heute noch Spaß machen, aber irgendetwas wollte ich – auch als Komponist – mit der Gegenwart zu tun haben. Und mich interessierte eben auch der Jazz, den ich ebenfalls als Neue Musik begriff. Dann kamen die ersten Zappa-Platten, Mothers of Invention, und Jimi Hendrix, The Velvet Underground, Captain Beefheart. Plötzlich war mir klar: Da entsteht eine zeitgenössische Musik, die ist genauso wichtig wie die aus der europäischen Tradition gewachsene Musik.“ 

Schmidt gründet als Reaktion auf diese Einsicht zusammen mit dem Free Jazzer Jaki Liebezeit, seinem Kommilitonen Holger Czukay und dem Beatgitarristen Michael Karoli eine Band, die sich zwischen E- und U-Musik verortet. In ausgedehnten Jam-Sessions auf dem Schloss Nörvenich und ab 1971 in einem eigenen Aufnahmestudio in Weilerswist entwickeln die Musiker beeindruckend eigenständige Musik, die repetitiven Improvisationen und grenzüberschreitenden Free-Jazz-Passagen ebenso Platz lässt wie Einflüssen aus der klassischen, zeitgenössischen, außereuropäischen und folkloristischen Musik. 

Es folgen ausgedehnte Touren durch ganz Europa, zahlreiche Soundtrackarbeiten und eine begeisterte Rezeption besonders in London und Paris. Aber auch in Deutschland ist die Band erfolgreich und erreicht mit der Single „Spoon“ die Charts. Als im Februar 1972 fast zehntausend Zuschauer bei freiem Eintritt in die Kölner Sporthalle kommen, um Can live zu hören, haben die Musiker die Grenze zwischen E- und U-Musik endgültig eingerissen. Bis heute gilt vielen Pophistorikern dieses Konzert als die Geburtsstunde einer eigenständigen deutschen Rockmusikkultur. Entstehen konnte diese nur, so erklärt Irmin Schmidt, aufgrund der deutschen Geschichte. „Wir sind in einem Land geboren, in dem, nur vergleichbar mit dem 30-jährigen Krieg, eine komplette Zerstörung der eigenen Kultur passiert ist“, sagt Schmidt. „Natürlich prägt das. Es gab keine deutsche Jazzmusik, auf die man sich stützen konnte. Es gab höchstens die Musik vor dem Krieg. Alles andere war vernichtet. Also haben wir versucht, etwas Eigenes zu machen. Aber das hat sich nicht auf das Nachmachen von englischen oder amerikanischen Sachen gestützt. Wir hatten das Bedürfnis, hier mit unserer ganz eigenen Erfahrung etwas zu erfinden. Und daraus konnte nur so etwas wie Can entstehen. So eine Musik konnte nur in Deutschland entstehen, eine Musik, in der man, wenn man will, entdecken kann, dass sie aus einer total gebrochenen Tradition heraus entstanden ist.“

Mehrfach während unseres Interviews betont Irmin Schmidt, dass er Can nur sehr bedingt als Kölner Band verstanden wissen wolle. „Es ist entstanden, weil ich das wollte und nicht, weil es Köln war. Ich wäre beinahe in Berlin gelandet, weil viele meiner Freunde an der HfbK Malerei studierten. Und ich schwör‘s Ihnen: Can wäre dann in Berlin entstanden!“

Can - Free concert


Sporthalle Köln 1972 / © SpoonRecords 1999

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Severinstorburg am Chlodwigplatz Köln, © Tourismus NRW e.V.

Der Nabel der Welt

Wir denken über den Einfluss der Stadt auf ihre Musik nach, als wir auf dem Weg zur Straßenbahn den Chlodwigplatz erreichen. Seit mehr als zehn Jahren wird hier an einer neuen U-Bahn gebaut. In der Nähe kippte als Folge der Arbeiten der Kirchturm von St. Johann Baptist zur Seite und stürzte das Stadtarchiv in sich zusammen. Die Gegend um den Chlodwigplatz ist, viel mehr als die touristische Altstadt, das Herz Kölns. Hier steht die Severinstorburg. Hier wurde Heinrich Böll geboren. „Hier bin ich geboren, hier war ich daheim, in dem Achthundertmeter-Radius. Hier kenne ich alle Platanen beim Namen, jeden Spatz, jeden Stein in der Mauer von der alten Stadt. Mein Nabel der Welt bleibt der Chlodwigplatz“, singt Wolfgang Niedecken.

Wir treffen den BAP-Chef im Hauptquartier der Band, das versteckt in einem Hinterhof in der Kölner Innenstadt liegt. Niedecken ist schwer beschäftigt. Konzerte laufen und weitere sind in der Planung, Band- und Soloalben wollen promotet werden. Noch am Abend zuvor ist die Band in Bonn aufgetreten. „Es macht mir gerade einen unglaublichen Spaß“, sagt er. „Das Schlimmste am Abend ist, wenn ich feststelle: Scheiße, nur noch eine Nummer. Ich könnte acht Stunden spielen.“ Nach dem 2011 überstandenen Schlaganfall ist seine Energie beeindruckend. 

Vermutlich verbindet der landläufige Musikhörer keine Band so sehr mit dem Sound von Köln wie Niedeckens BAP. Über sechs Millionen verkaufte Tonträger und eine stattliche Anzahl von Hits stehen seit der Bandgründung zu Buche. Bis es soweit kommt, ist es jedoch ein langer Weg. Mitte der 1970er ist die Band musikalisch maximal weit weg vom Zeitgeist. Während die Punkrevolution ausbricht, schreibt Niedecken kölschsprachige Songs, die sich viel eher an Bob Dylan oder The Kinks orientieren als an den Sex Pistols und The Ramones. In der Grundhaltung ist man dennoch nicht weit voneinander entfernt: „Ende der 70er waren wir eine reine Amateurband, die mit Ach und Krach drei Akkorde spielen konnte. Und wir haben noch nicht einmal innerhalb der Musikszene stattgefunden. Das war aber auch ganz gut, dass wir in keiner Szene drinsteckten, denn die hatten alle schon irgendwie einen Karriereplan. Wir hatten überhaupt keinen Karriereplan“, erzählt Niedecken. „Wir haben auch nicht im Entferntesten daran gedacht, eine Punkband zu sein, aber eigentlich waren wir viel mehr Punk als manche, die sich nach der Punk-Kleiderordnung gerichtet haben.“ In wechselnden Besetzungen, oft auch solo werden Wolfgang Niedecken‘s BAP eine lokale Größe, unter anderem durch Auftritte im Chlodwig Eck, vor dem sich solche Menschentrauben bilden, dass die Konzerte immer wieder unterbrochen werden müssen, um die an der Kneipe vorbeifahrenden KVB-Busse durchzulassen. Durch ihre Unterstützung der Besetzer der ehemaligen Stollwerck-Schokoladenfabrik und diverser Bürgerinitiativen werden BAP mehr zufällig als gewollt Sprachrohr der alternativen Linken. 

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Wolfgang Niedecken Illustration, © Saskia Wragge

Und 1981, während bereits die Neue Deutsche Welle losgerollt ist, werden BAP zur bekanntesten Band des Landes. Die vollkommen radiountaugliche, todtraurige Sechsminuten-Single „Verdamp lang her“ wird zum überraschenden Hit, das dazugehörige Album "Für usszeschnigge" verlässt erst dann Platz 1 der Charts, als es von seinem Nachfolger "Vun drinne noh drusse" abgelöst wird. Weit über Köln hinaus erfahren die Hörer nun von der Gegend um den Chlodwigplatz („Südstadt verzäll nix“) und den Menschen im Chlodwig Eck („Jupp“). Elf Nummer-1-Alben später ist für Niedecken immer noch die Kölner Südstadt Ort der Inspiration, von dem aus sich die Welt betrachten lässt. Auf dem 2011er Album "Halv su wild" lässt er sogar den Herrgott zwischen Chlodwigplatz und Severinstor herumspazieren. „Ja, da hat für mich alles angefangen am Chlodwigplatz“, sagt er zum Abschluss unseres Gesprächs. „Ich weiß genau, in welcher Himmelrichtung was ist, und hab mich von Kind an daran orientiert. Ich wusste: Die Bonner Straße runter, irgendwann fangen die Berge an und jenseits von den Bergen kommt ein Meer und dann kommt Afrika. Und ich wusste, auf der Südbrücke fahren die Züge nach Osten und wenn die ganz weit fahren, dann fahren die bis nach Russland. Ich bin da aufgewachsen. Ich hab mich von da aus orientiert. Das ist mein Nabel der Welt.“

Bap - Verdamp lang her


Rockpalast Grugahalle / © pinki123able

Was Niedecken nicht sagt: Die Bonner Straße herunter in Richtung Süden kommt noch vor den Bergen der Grüngürtel, der die kruschig verbaute Innenstadt von den beschaulichen, wohlhabenden Vororten abtrennt. Und dahinter das bis heute dörflich verschlafene Rodenkirchen. Seit 50 Jahren gehen hier die Schülerinnen und Schüler des Kölner Südens auf das rotgeklinkerte Gymnasium im Zentrum des Stadtteils. Poster kündigen Schultheater-Aufführungen an. Bald stehen die Abiturfeiern und der Abiball an. Auf der Homepage geloben die Stufensprecher in einer Resolution, dabei aber „in keinster Weise den Schulfrieden zu stören, Schaden zu erzeugen oder den Ruf unserer oder anderer Schulen zu gefährden.“ Außerdem respektiere man die Grenzen des schulischen Hausrechts und werde sich unter keinen Umständen von 22 Uhr bis 6 Uhr auf den Schulgeländen aufhalten.

Wenige Orte scheinen unwahrscheinlicher für eine subkulturelle Revolte als die aufgeräumte Schulaula, die Anfang der 70er Jahre als Studiobühne und Konzerthalle mit Stufenrängen gebaut wurde. Und doch findet hier auf dem Siedepunkt des ‚Deutschen Herbsts‘ im Oktober 1977 das erste geschichteschreibende Punkkonzert in Deutschland statt. Auf der Bühne spielen Male (aus denen später unter anderem Die Krupps werden) und Charley‘s Girls (die sich zu Mittagspause und den Fehlfarben weiterentwickeln), ohrenbetäubenden Krach. Das Konzert entwickelt sich kurzerhand zu einer Saalschlacht zwischen den Punks und dem Rest der Schüler, die lieber normale Rockmusik hören wollen. Damit hat der deutsche Punk seinen Gründungsmythos als ungebändigte Opposition gegen die spießige, akademische Rock- und Progrockmusik. Auch wenn es Köln nie gelingt, eine echte Punkhochburg zu werden und Düsseldorf, Hamburg und Berlin zu Zentren der Szene werden: die innovative und subkulturelle Explosion des Punks ist für immer mit dem Reihenhaus-Stadtteil im Kölner Süden verbunden. Wie so oft prägt der ‚große Definierer‘ Alfred Hilsberg die Popterminologie. In einem Lagebericht für die Zeitschrift „Sounds“ beschreibt er ein halbes Jahr später euphorisch die sich entwickelnde Punkrevolte und verkündet als Maxime der Bewegung: „Rodenkirchen is burning“. Derweil verzeichnet die offizielle Schulchronik des Gymnasiums für 1977: „In den Osterferien findet der erste Schüleraustausch mit Saint Quentin/Frankreich statt.“

Ein paar Tage später treffen wir Wolf Maahn im Biergarten des Kölner Stadtgartens, der sich seither zum europäischen Jazzzentrum aufgeschwungen hat. Mit ihm wollen wir über die frühen 1980er Jahre sprechen, in denen Köln anfängt, sich zum popmusikalischen Zentrum der Republik zu mausern. Maahn, geboren 1955 in Berlin und aufgewachsen in München, beginnt seine Karriere bereits 1976 mit der Food Band, die er zusammen mit dem heutigen TV-Keyboarder Helmut Zerlett und dem späteren BAP-Schlagzeuger Jan Dix gründet. Ein englisches Label ermöglicht der Band Ende der 1970er Jahre Aufnahmen in London, die Maahn entscheidend prägen und den Wunsch wecken, auch selbst zu produzieren. Trotz Auftritten im Londoner Marquee Club gelingt der Food Band nicht der Durchbruch, vor allem, weil ihr Label Pleite geht. Maahn löst die Band aber auch auf, weil er von der beginnenden neuen deutschsprachigen Musik beeindruckt ist. „Was wir Neue Deutsche Welle nennen, hat mich auch inspiriert“, sagt er. „Hier wurde die deutsche Sprache auf einmal gängiger für alle möglichen Styles. Ich bekam das Gefühl, dass das, was ich aus der Food Band mitgenommen hatte und was ich mir an R’n’B-Musik vorstellte, sehr gut auf Deutsch funktionieren könnte. Ich dachte, das wäre vielleicht so etwas wie eine Pioniertat. Das hat mich besonders gereizt, zu beweisen, dass das geht.“ Maahn legt 1982 mit Deserteure ein gefeiertes erstes Soloalbum vor. In den Folgejahren wird er mit Songs wie „Fieber“, „Rosen im Asphalt“ und „Ich wart auf Dich“ und als Produzent von Klaus Lage, Purple Schulz, Anne Haigis oder Niedeckens Soloalbum Schlagzeiten zu einer der zentralen Figuren der Kölner Szene. 

Wenn man Maahn erzählen hört, bekommt man einen eindrucksvollen Einblick, wie sich diese in den frühen 1980er Jahren aus gegenseitigen Bekanntschaften herausbildet und unterstützt: „BAP machten schon die Sartory-Säle voll und trotzdem kannte Jürgen Thürnau, Manager vom Gerig Musikverlag, die Band nicht. Und ich wies ihn darauf hin, sich doch einmal um die Band zu kümmern. Dann hat Thürnau BAP an Dieter Dehms EMI Label ‚Musikant‘ vermittelt und mich noch gefragt, ob ich ein Override [Umsatzbeteiligung] will. Das wäre allgemein so üblich. Ich hab gesagt: Das sind meine Freunde, was soll ich da ein Override nehmen? Ok, als dann die nächsten zwei Platten fast eine Million verkauft hatten, hab ich mir überlegt, dass das vielleicht doch eine gute Idee gewesen wäre.“ Maahn lacht laut. „Auf jeden Fall hatte natürlich der Erfolg von BAP eine Sogwirkung. Das lief ja parallel mit einem gesamtpolitischen Klima in Deutschland – Antiatomkraftbewegung, Friedensbewegung usw. All das akkumulierte sich dann irgendwie in Köln, auch weil BAP dafür standen.“ Zudem beginnt Purple Schulz, auch auf Initiative Maahns, eine musikalische Karriere.

All diese Kölner Musiker treffen in den 1980er Jahren auf eine Stadt, die sich gut als popmusikalisches Zentrum des Landes eignet: Mit der EMI sitzt eine der größten Plattenfirmen in der Stadt, der WDR, der Deutschlandfunk, ab Ende der 1980er Jahre auch RTL und VIVA machen Köln zur führenden deutschen Medienstadt. Auch der gute Empfang des British Forces Broadcasting Service, der bis 1990 in einer Villa im Stadtteil Marienburg residiert, hat Bedeutung. Moderatoren wie Dave Lee Travis, Chris Howland und vor allem John Peel bringen über UKW seit Mitte der 1960er Jahre neuartige, innovative Musik zu Gehör und inspirieren lokale Musiker. Hinzukommt, dass in Köln mit dem Basement, dem Roxy und Luxor deutschlandweit bekannte Konzertvenues und mit der Sporthalle ein Ort für Großkonzerte existieren. „Es gibt ja kaum eine andere Stadt, in der es ein so ausgehfreudiges Volk gibt. Da ist Köln ganz vorne“, erklärt Wolf Maahn. „Die Stadt bot damals das Potential, so viele Veranstaltungen mit Publikum zu füllen und das ist bis heute geblieben.“ Auch mit ihren Studios ist die Stadt führend. Bei Dieter Dierks in Puhlheim und Conny Plank in Wolperath hatten schon in den 1970er Jahren die wichtigsten deutschen Bands wie Ihre Kinder, Ash Ra Tempel, Tangerine Dream, Birth Control, Guru Guru, Amon Düül, Harmonia, La Düsseldorf oder Kraftwerk Meisterwerke aufgenommen. In den 80ern ziehen diese Studios zunehmend internationale Künstler nach Köln. Bei Dierks und Plank nehmen Stars wie Ike & Tina Turner, Eric Burdon und Bands wie die Boomtown Rats, Ultravox, Eurythmics, Les Rita Mitsouko oder Killing Joke auf.

Doch genauso wie sich die Musikszene der Stadt internationalisiert, wird für die Musiker Ende der 1980er Jahre der Konformitätsdruck spürbar höher. BAP sind ein Beispiel dafür. Der Versuch des Gitarristen Major Heuser, die Band auf international anschlussfähige Popmusik zu trimmen, gerät in Konflikt mit dem regional verorteten Geschichtenerzähler Niedecken. Die schwächsten Alben der Bandgeschichte sind das Resultat. Auch Wolf Maahn hat es satt, als „der deutsche Springsteen“ vermarktet zu werden, verweigert sich mit dem Album Third Language den Erwartungen und beendet seine Produzententätigkeit. Seine Alben entstehen seither fernab jedweder Szene als Werke eines autarken Musikers in einem eigenen Studio.

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Der Chlodwigplatz in Köln, © Tourismus NRW e.V.

Insgesamt hat man den Eindruck, als zerbrösele Ende der 1980er Jahre der Gemeinschaftsgeist der Kölner Musikszene. Der viel zu frühe Tod der Integrationsfigur Conny Plank 1987 spielt dabei eine Rolle, ebenso wie der verlorene Kampf um das Kulturzentrum in der Stollwerck-Fabrik, die Ende der 1980er Jahre abgerissen wird. Vor allem aber wendet sich der Zeitgeist gegen die Kölner Künstler: Ihr politisch engagierter Deutschrock mit regionaler Prägung wird Ende des Jahrzehnts, bestärkt durch die Wiedervereinigung, in der Publikumsgunst abgelöst von gesamtdeutschem, stadiontauglichem Pathospop wie Westernhagens „Freiheit“. In Köln hingegen regiert seit Ende der 1980er Jahre verstärkt eine kölschselige Ballermann-Musik den Mainstream. So wird der schönste Tag der Kölner Südstadt gleichzeitig auch zum Symbol für das Ende ihres Gemeinschaftsgeistes. Als im November 1992 100.000 Menschen auf dem Chlodwigplatz unter dem Motto „Arsch huh, Zäng ussenander“ gegen ausländerfeindliche Gewalt protestieren, klingen ausschließlich kölsche Tön von der Bühne. BAP und Bläck Fööss, Brings und die Höhner, Willy Millowitsch und Zeltinger treten auf – Anne Haigis, Ina Deter, Purple Schulz oder Wolf Maahn sucht man, weil sie nicht kölschsprachig sind, vergeblich. „‚Arsch huh‘ war ja lange überfällig und dann auch sehr erfolgreich“, sagt Maahn rückblickend, „aber auch wenn das Konzept sehr erfolgreich war, war das, glaube ich, keine gute Idee. Das hat nämlich dazu geführt, dass seither die Kölschen ihre eigene Welt haben. Die machen viele Sachen unter sich aus.“ Erst in den vergangenen wenigen Jahren weichen diese Grenzen auf. Jüngere Bands wie die Brass- und Samba-Kombo Querbeat reißen Mauern ein, die die alten Kölschen Großbands aufgebaut haben.

AG Arsch Huh - Arsch huh, Zäng ussenander 09.11.1992 (Chlodwigplatz Köln)


© Stephan B

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Köln Belgisches Viertel - LeBloc Kiosk, © Georg-Hopp alias Fänger der Zeit

Nicht einmal zehn Minuten braucht es mit der Straßenbahn vom Chlodwigplatz in das Belgische Viertel, dass sich in der Kölner Neustadt um den Brüsseler Platz herum erstreckt. Statt kölschen Brauhäusern, Karnevalskaschemmen und urigem Lokalkolorit dominieren hippe Szenekneipen, Galerien, kleine Designerläden und Bio-Restaurants das Straßenbild. Das Belgische ist das zurzeit angesagteste Viertel der Stadt. In seinem Umfeld entsteht Anfang der 1990er Jahre der „Sound of Cologne“, der die Stadt in den Folgejahren mit Labels wie A-Musik und Kompakt und seiner Computermusik ohne Stars, ohne Refrains, ohne Hits zum weltweit bekannten Mekka für elektronische Musik machen wird.

Wir sprechen mit Jan St. Werner, um mehr über die Entstehung dieses Kölner Sounds zu erfahren. Mit seinen Bands Mouse on Mars und Microstoria, Kollaborationen mit Künstlern wie Mark E. Smith von The Fall, Stereolabs Lætitia Sadier oder Tortoise, vielfältigen Soloarbeiten, multidisziplinären Installations- und Multimediaprojekten und als Labelbetreiber ist Werner einer der international anerkanntesten und innovativsten elektronischen Musiker Deutschlands. Er ist neben Wolfgang Voigt und Jürgen Paape von Kompakt einer der Wegbereiter des Sound of Cologne, auch wenn sich Mouse on Mars‘ eklektische Mischung aus Genres wie House, Techno, Minimal und Ambient mit Krautrockelementen und Soundscapes immer international versteht und genauso sehr Kölner Stockhausen-Einflüsse wie Düsseldorfer Kraftwerk-, und NEU!-Schule beinhaltet. 

Mouse on Mars, die Werner zusammen mit dem Düsseldorfer Andi Toma 1993 gründet, entstehen in einem kulturell besonderen Umfeld Anfang der 1990er Jahre: „Gesellschaftlich gab es eine gewisse naive Euphorie“, erklärt er. „Es mischte sich alles: Es mischten sich Stile, es mischten sich Klassen wie Hochkultur und Niedrigkultur, Hochtechnologie und Billigtechnologie. Hip-Hop hatte sich durchgesetzt, Techno aus einem Rausch heraus Vieles eröffnet und Unterschiedliches zusammengebracht. Die 1990er waren insgesamt ein Aufbrechen von Dogmen, Grenzen, Verteilerkanälen.“ Technische Neuerungen wie bezahlbare Sampler führen zu einer Demokratisierung des Musikmachens, die es Toma und Werner ermöglichen, in eigenen Studios in Düsseldorf und Köln zwanglos neue Sounds auszuprobieren. In den Clubs und den Plattenläden entsteht aus Eigenbrötlern eine lebendige Szene von Elektronikkünstlern. 

Werner erzählt, wie ‚A-Musik von einem Mail-Order-Versand zu einem Plattenladen wurde: „Irgendwann habe ich mit Georg Odijk und Marcus Schmickler am Brüsseler Platz im Souterrain eine WG gemacht. Wir haben Georg dann überredet, dass er dort den ganzen Mail-Order-Kram so in die Regale stellt, dass man doch ein oder zweimal die Woche den Eingang aufmachen kann. Es gab eine große Einsortieraktion in Regale, so dass nicht nur Georg, sondern auch andere sich zurechtfinden konnten, zweimal die Woche wurde die Tür aufgemacht und plötzlich war es ein Plattenladen.

Werner lacht und beschreibt dann weiter: „Parallel dazu gab es den Plattenladen Delirium. Das war eine Kette, wie so eine Art Mini-Techno-Franchise für Germany. Und irgendwann haben die Jungs dort gesagt: Wir machen unser eigenes Ding. Wir nennen das jetzt Kompakt und machen einen eigenen Laden. Das passierte fast zeitgleich. Und in dem Moment, wo es A-Musik gab, hatten alle möglichen Sachen ein Zuhause. Entenpfuhl, Gefriem, Erfolg, Monika Westphal und Hans-Jürgen Schunk, Schlammpeitziger, C-Schulz, Harald Sack Ziegler, meine Sachen. Vorher waren das alles freie Radikale, jetzt kam das zusammen. Und ähnlich war das bei Kompakt und auch bei Groove Attack.“ 

Dieses Miteinander ermöglichen die nah beieinanderliegenden Clubs und Bars im Belgischen Viertel. Jedes Label hat seine Stammkneipe, überall läuft Musik. „Im Six Pack konnte man die Kompakt-Leute treffen. Im Hallmackenreuther war die Homebase der Whirlpool Productions mit Eric D Clark, Hans Nieswandt oder Justus Köhncke. Dazu noch die ganze improvisierte Musik, die Musikhochschule, das Loft, die Musikfabrik, die ‚Feuerwache‘. Und alle haben irgendwie etwas miteinander gemacht. Es war wie so eine entspannte Explosion.“

Mouse On Mars Live (Palladium, Köln 13.05.1999)


© Basi ley

Die Explosion reicht schnell über die Landesgrenzen hinaus. Mouse on Mars lösen 1994 mit ihrer ersten EP-Single „Frosch“ internationale Begeisterung aus, ihr zweites Album "Iaora Tahiti" wird 1995 vom renommierten englischen Melody Maker als eines der Alben des Jahres gefeiert. Das absurde „From Disco to Disco“ von Whirlpool Productions wird 1997 ein europaweiter Hit. Jörg Burger, Jürgen Paape und Wolfgang Voigt machen ab der ersten Kompakt-Veröffentlichung Triumph Köln zur Hochburg für Minimal-Techno. 

Während sich im Belgischen Viertel avantgardistische unangepasste elektronische Musik entwickelt, werden ab Anfang der 1990er Jahre die zwei Straßen entfernten Kölner Ringe zu einem von Europas Hotspots für Mainstream-Techno und Pop-Dance. Das wird uns klar, als wir mit Piet Blank und Jaspa Jones sprechen, die zunächst unter dem Projektnamen Gorgeous und ab 1999 als DJ-Duo Blank & Jones auftreten und von Köln aus ihre Karriere starten. „Diese ‚Do-it-yourself‘-Attitüde des Punks ist in dieser Zeit quasi in eine neue Generation wieder eingeflossen“, sagt Piet Blank über den Innovationsgeist, den auch für ihn die bezahlbaren Sampler auslösten. „Daraus entstand das Gefühl: Ich brauche gar keine Band mehr. Im Zweifel kannst du alleine in deinem Schlafzimmer sitzen, einen Track schrauben, den in den Club nehmen und dort testen, ob er ankommt oder nicht.“ 

Der Rave Club, der Space Club und das Warehouse werden zu Orten des Austestens und Austauschens und ziehen internationale Dance-Künstler zu Gigs nach Köln. „1993 hat sich dann VIVA hier gegründet, was die ganzen 1990er Jahre durch für einen riesigen Hype gesorgt hat. Die ganzen Kreativen, die diese Shows gemacht haben, die haben sich alle in Köln versammelt.“, berichtet Blank. Hinzu kommt die Popkomm, die sich nach ihrem Umzug von Düsseldorf nach Köln von einer lokalen Musikmesse zu einem internationalen Branchentreff entwickelt. „Das waren fünf, sechs Jahre, wo Köln – das kann man glaube ich ohne Übertreibung sagen – die Musikhauptstadt Deutschlands war“, sagt Blank. Auf der Popkomm lernen sich auch Blank und Jones kennen. Über zwei Millionen verkaufte Tonträger, Kollaborationen mit The Cures Robert Smith, Sarah Mc Lachlan oder den Pet Shop Boys und (einschließlich Remix- und Kompilationsalben) weit über 100 Veröffentlichungen haben die zwei DJs mittlerweile vorzuweisen. 

Blank & Jones - Desire


© blankandjonesvideos

Als wir von Jan St. Werner wissen wollen, warum Mouse on Mars seit einigen Jahren nicht mehr in der Medienstadt Köln leben, sondern in Berlin, erklärt er den Umzug vor allem mit privaten Gründen, sagt dann aber auch etwas Bemerkenswertes: „In Köln war immer klar, dass man dort eine bestimmte Zeit hat. Spätestens dann, als Leute nach Köln gezogen sind, um ihre Sachen zu machen, um dort elektronische Musik zu machen, da war mir klar: Das wird jetzt wie so ein ‚Seattle‘. Das ist ein Hype. Der wird auch irgendwann vorbeigehen. Und irgendwann tauchten dann diese schicken kleinen Designermöbelläden auf.“

Der Niedergang der Popkomm steht symbolisch für die Entwicklungen in Köln im neuen Jahrtausend. 2003 öffnet sich die Branchenveranstaltung zum ersten Mal dem breiten Publikum, um ihm die spannendste Musik des Jahres zu präsentieren. „Stars“ der Popkomm Public 2003 sind die Castingshowprodukte Alexander, Gracia und BroSis, die TV-Sternchen Yvonne Catterfield, Jeanette Biedermann und Oli P. sowie das Ex-Blümchen Jasmin Wagner. Die Popkomm 2003 ist nicht nur eine künstlerische Bankrotterklärung, sondern auch der Abgesang auf die Musikindustriemetropole Köln: Schon 2004 zieht die Popkomm nach Berlin (um dort über kurz oder lang endgültig einzugehen), der Fernsehsender VIVA folgt 2005, die Musikzeitschrift Spex 2007, die EMI 2013. Auch Musiker und prägende Labels wie Karaoke Kalk wandern ab.

Diese Sichtweise bestätigt Ekki Maas alias Ekimas, als wir ihn im Studio seiner Band Erdmöbel treffen. „Ja, hier macht so jeder sein Ding und so soll es auch sein. Horrorvorstellung ist, so was wie eine Hamburger Schule zu haben, wo man dazu gehören muss“, sagt er. „Die Kölner Mentalität ist schon sehr laissez-faire, und das ist außergewöhnlich. Da ist es in anderen Städten doch sehr viel hermetischer und gleichgeschalteter. Hier gibt es viele verrückte Leute“, erläutert er und erklärt gleich, warum gerade dies Erdmöbel nach Köln gezogen hat. „Wir sind ja ursprünglich eine Münsteraner Band“, erzählt er. „Aber wir fühlten uns da nicht besonders geliebt, und das war ein Grund wegzugehen in eine Stadt, wo man automatisch sofort geliebt wird.“ Er lacht laut. „Es ist zwar auch nicht immer toll, aber erst einmal irgendwie schön, wenn keiner sofort Widerworte hat, wenn man etwas abliefert. Das machen die Kölner nicht. Dadurch ist man erheblich freier, und man hat nicht die ganze Zeit das Gefühl: Vielleicht ist es doch nicht gut, was ich mache?“ Dieses Gefühl von Freiheit strahlen die elf Alben der Band aus. Sie enthalten Popsongs der kleinen Gesten, in denen sich Bläsersätze, melodieverliebte Bassläufe und kleinteilige Rhythmen mit fabulierlustigen Texten über die Schönheiten und Schrecknisse des Alltags mischen. „Das, was Musik gut macht, ist doch der Moment, wo man etwas hört und im allerbesten Fall eine Gänsehaut bekommt oder weinen muss“, sagt Ekimas. Sein Understatement und die Liebe zu Musik, die die ganz großen und die ganz kleinen Gefühle zulässt, durchzieht all unsere Gespräche mit Indiemusikern der Stadt. Sie lässt sich auch in den Songs hören. Bei Erdmöbel beispielsweise, die ohne Scheu den Easy-Listening-Songschreiber Burt Bacharach covern oder „Das Leben ist schön“ singen oder bei PeterLicht, der 2008 mit dem „Heimkehrerlied“ eines der gefühlvollsten Liebeslieder der letzten Jahre geschrieben hat. Pop ist in Köln nicht ein Abgrenzungsfeld, ein Schimpfwort. 

PeterLicht, der sich schon 2001 herrlich unkonventionell in dem Song „Popkultur/Meide“ mit dem Thema auseinandergesetzt hat, sagt: „Da gibt es diese Selbstverständlichkeit vom Indie, dass man nicht zu den weichgespülten Pissern gehört, die den Pop konsumieren. Dass man eben zu den Harten gehört, die hart an der Wahrheit des Lebens entlangsegeln, sich die volle Breitseite geben und deshalb wirklich leben. Mich amüsiert das dann, ich finde das toll. Ich möchte auch hart sein, ich möchte auch relevant sein, aber letztendlich ist da natürlich immer ein Element der Sehnsucht in diesem Konzept. Dass man eben nicht Pop ist und dabei doch Pop ist.“ 

Unser Eintauchen in die Musikstadt Köln geht zu Ende. Zum Abschluss haben wir uns mit einer Reihe besonderer Lieblingsindiemusiker verabredet, um mit ihnen über den Sound der Stadt, ihre Musikszenen und das Lebensgefühl am Rhein zu sprechen. PeterLicht treffen wir in einem aus der Zeit gefallenen Oma-Café, in dem die Bedienungen noch Schürzen mit Schleifchen über dem Po tragen. Seine minimalistische Elektropopsingle „Sonnendeck“ wurde 2001 ein kleiner Hit. Seither vertritt er mit sechs herausragenden Alben und als Autor eine ganz eigene Version von postmodern politischem Pop. Er sitzt vor uns, freundlich lächelnd, die Unprätentiösität in Person und erläutert, warum er lieber in Köln bleibt: „Es stimmt, dass viele nach Berlin gehen. Und das empfinde ich als sehr, sehr gut. Das erzeugt einfach einen sehr großen Freiraum. Die Vorstellung, nach Berlin zu gehen, wo ja alle hingehen, um da zu sein, wo ‚es‘ stattfindet, ist für mich ein wahnsinniger Stressgedanke. Das produziert so viel Stress, dass ich in Berlin gar nicht mehr klar denken könnte. Hier in Köln ist das gerade genau das Gegenteil, dass gerade überall so luftige Räume entstehen.“ Und Raum für sich selbst braucht PeterLicht, der gerne auf jede Szenenzugehörigkeit verzichtet. 

„Wenn ich höre, dass Bands extra in eine Stadt gehen, um den Sound dieser Stadt zu machen oder Teil einer Szene zu werden, dann erstaunt mich das total. Denn für mich ist ‚Szene‘ der Inbegriff von Stress und Abgrenzung“, sagt er. „Ich möchte das nicht. Ich wollte noch nie Teil einer Szene sein und bin das auch nie gewesen. Alles, was ich mit Szene verbinde, ist etwas, was ich nicht haben will in meinem Leben. Denn wenn ich Teil einer Szene bin, dann bin ich Teil einer Szene, aber nicht ich. Dann werde ich nur wahrgenommen als irgendwo im Ranking dieser Szene verortet.“ Aber er hat doch mit dem Kölner Produzenten Jochen Naaf aufgenommen, der auch Klee produziert hat. Und Klees Suzie Kerstgens hat wiederum mit den Kölner Bands Wolke (deren Keyboarder Benedikt Filleböck auf PeterLichts Album Das Ende der Beschwerde spielt) und Erdmöbel (deren Bassist Ekimas Produzent von „Sonnendeck“ ist) gearbeitet – Ja, ist dieses Durcheinander keine Szene? „Klar, man unterstützt sich, man kennt sich, man schätzt sich sehr“, antwortet PeterLicht, als wäre es in einem hart umkämpften Musikmarkt das normalste der Welt. „Aber eine künstlerische oder inhaltliche Gemeinsamkeit mit anderen Künstlern würde ich nicht sehen.“ 

PeterLicht - Sonnendeck


© cnrtft

Diese Sichtweise bestätigt Ekki Maas alias Ekimas, als wir ihn im Studio seiner Band Erdmöbel treffen. „Ja, hier macht so jeder sein Ding und so soll es auch sein. Horrorvorstellung ist, so was wie eine Hamburger Schule zu haben, wo man dazu gehören muss“, sagt er. „Die Kölner Mentalität ist schon sehr Laissez-faire, und das ist außergewöhnlich. Da ist es in anderen Städten doch sehr viel hermetischer und gleichgeschalteter. Hier gibt es viele verrückte Leute“, erläutert er und erklärt gleich, warum gerade dies Erdmöbel nach Köln gezogen hat. „Wir sind ja ursprünglich eine Münsteraner Band“, erzählt er. „Aber wir fühlten uns da nicht besonders geliebt, und das war ein Grund wegzugehen in eine Stadt, wo man automatisch sofort geliebt wird.“ Er lacht laut. „Es ist zwar auch nicht immer toll, aber erst einmal irgendwie schön, wenn keiner sofort Widerworte hat, wenn man etwas abliefert. Das machen die Kölner nicht. Dadurch ist man erheblich freier, und man hat nicht die ganze Zeit das Gefühl: Vielleicht ist es doch nicht gut, was ich mache?“ Dieses Gefühl von Freiheit strahlen die elf Alben der Band aus. Sie enthalten Popsongs der kleinen Gesten, in denen sich Bläsersätze, melodieverliebte Bassläufe und kleinteilige Rhythmen mit fabulierlustigen Texten über die Schönheiten und Schrecknisse des Alltags mischen. „Das, was Musik gut macht, ist doch der Moment, wo man etwas hört und im allerbesten Fall eine Gänsehaut bekommt oder weinen muss“, sagt Ekimas. Sein Understatement und die Liebe zu Musik, die die ganz großen und die ganz kleinen Gefühle zulässt, durchzieht all unsere Gespräche mit Indiemusikern der Stadt. Sie lässt sich auch in den Songs hören. Bei Erdmöbel beispielsweise, die ohne Scheu den Easy-Listening-Songschreiber Burt Bacharach covern oder „Das Leben ist schön“ singen oder bei PeterLicht, der 2008 mit dem „Heimkehrerlied“ eines der gefühlvollsten Liebeslieder der letzten Jahre geschrieben hat. Pop ist in Köln nicht ein Abgrenzungsfeld, ein Schimpfwort. 

PeterLicht, der sich schon 2001 herrlich unkonventionell in dem Song „Popkultur/Meide“ mit dem Thema auseinandergesetzt hat, sagt: „Da gibt es diese Selbstverständlichkeit vom Indie, dass man nicht zu den weichgespülten Pissern gehört, die den Pop konsumieren. Dass man eben zu den Harten gehört, die hart an der Wahrheit des Lebens entlangsegeln, sich die volle Breitseite geben und deshalb wirklich leben. Mich amüsiert das dann, ich finde das toll. Ich möchte auch hart sein, ich möchte auch relevant sein, aber letztendlich ist da natürlich immer ein Element der Sehnsucht in diesem Konzept. Dass man eben nicht Pop ist und dabei doch Pop ist.“ 
 

erdmöbel & judith holofernes: hoffnungsmaschine


© erdmoebeltv

Oliver Minck, der zusammen mit Keyboarder Benedikt Filleböck die hemmungslos gefühlige Minimalpop-Formation Wolke bildet und mit dem Indie-Quinett Die Sonne als Rockband in mittlerweile zwei Alben die kleinen und großen Beschwerlichkeiten des Erwachsenseins auslotet, bestätigt uns im Gespräch Kölns Vorliebe für relevanten Pop: „Der Kölner Sound, wenn man ihn denn beschreiben will, ist bestimmt durch eine hohe Pophaftigkeit und Radiotauglichkeit. Durch eine große Offenheit für elektronische Instrumente, aber auch durch ernsthafte aber nicht akademische Texte. Ich glaube, das hat etwas damit zu tun, dass in Köln der Bereich der hochakademischen und hochkomplexen Musik so vollständig abgedeckt ist durch die Zeitgenössische Musik und die große Jazzszene in Köln.“ 

Offenheit, Freiraum, Understatement. Das sind zentrale Begriffe, um die heutige Popmusik in Köln zu verstehen. Sie ist unabhängig von Trends im besten Sinne und gleichzeitig Pop ohne echte Popularität. Kaum noch Hits kommen aus der Stadt am Rhein. Dafür sind die Bands und Künstler zu wenig in der Lage (oder gewillt), die große Pop(über)inszenierung mitzumachen. Im Augenblick scheint vollkommen unklar, wohin die Reise geht. Auf der einen Seite gerät die Kultur unter Gentrifizierungsdruck. In den letzten Jahren sind viele der wichtigsten Clubs wie das Basement, das Underground oder die Papierfabrik geschlossen worden, andere kämpfen mit Mietsteigerungen, Nachbarschaftskonflikten und einem veränderten Ausgehverhalten der Nachtschwärmer. Proberäume sind rar und umkämpft. Auf der anderen Seite zeigt sich die Stadt mit Festivals wie dem Week-End Festival, zahllosen Clubkonzerten in jeder Woche oder der Gründung vieler unabhängiger Labels weiterhin als dynamische Musikstadt. 
 

Die Sonne - Neu erfunden


© tapeterecords

Ein paar Stunden später in einem kleinen Café in der Kölner Nordstadt. Suzie Kerstgens wartet unter einer Discokugel, um mit uns über ihre wundervoll sehnsuchtsvolle Band Klee und das Kölner Lebensgefühl zu sprechen. Klee, die bis 1999 Ralley hießen und sich nach einem schlimmen Autounfall umbenannten, sind mit Songs wie „Erinner Dich“, „Tausendfach“, „Die Stadt“ und diversen Alben die Mitbegründer einer neuen, weiblichen Popmusik, die später von Silbermond oder Juli platter und populärer vertreten wird. Aus geplanten 45 Minuten mit Suzie Kerstgens werden vier Stunden, nach denen wir das kölsche Lebensgefühl und die Musikliebe der Stadt und ihrer Musiker verstanden zu haben glauben. Auch für sie ist die Offenheit der Stadt ein entscheidender Faktor: „Das klingt jetzt klischeebehaftet, aber vielleicht liegt das ein wenig an diesem Rheinländischen. Ich meine gar nicht die ‚rheinische Frohnatur‘, sondern das Offensein für neue Dinge, die Neugier auf andere Menschen. Dass man sich selbst nicht zu wichtig nimmt bzw. den anderen genauso wichtig wie sich selbst nimmt. Vielleicht definiert man sich hier in Köln mehr über das Gefühl und Emotionen als über eine Haltung. Wenn du an den Karneval und seine Musik denkst: Wie emotionsgeladen das ist und wie sehr dort ein Miteinander besungen wird. Das sinkt in einen ein und wenn man sich für Köln entschieden hat, dann nimmt man daran teil. Wenn du damit nicht umgehen kannst, dann findest du Köln vielleicht langweilig und provinziell. Dann musst du eben weggehen nach Berlin.“ Kerstgens lacht laut und wir merken an, dass das eine perfekte Beschreibung des Kölner Verständnisses von Popmusik ist. „Eben!“, antwortet sie. „Musik, die nicht nur für deine Hood gemacht ist. Das ist ganz wichtig in Köln, dass man, wenn man seine Musik macht, nicht denkt: Das darf aber nur für einen kleinen, elitären Kreis verständlich sein und nur die Leute, denen ich das erlaube, dürfen das gut finden. So eine Einstellung gibt es hier einfach nicht!“ 

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Illustration Klee, © Saskia Wragge

Auf diese Weise ermöglicht die Stadt frickelige Elektronik ebenso wie dumpfen Karnevalsschlager, Kölschrock und Indiepop, in den 1970ern den glatzköpfigen Punker Zeltinger, in den 1980ern die Politanarchisten Floh de Cologne, in den 1990ern den zärtlich-introvertierten Elektropop Donna Reginas, in den 2000ern den Reggae von Gentleman. Seit einiger Zeit etabliert sich die ‚Post-Kompakt‘-Generation aus jungen Elektronikern, die Indie-Attitüde mit Elektro-Prägung verbindet – vom New Wave und Italo-Sound des Duos Coma bis zum beinelockernden Synthie-Pop von Marius Lauber als Roosevelt. Rund um den deutsch-chilenischen Techno-Innovatoren Matias Aguayo und die kompromisslos eklektische Lena Willikens hat sich eine künstlerisch faszinierende Köln-Düsseldorf-Achse entwickelt. Willikens, Stammgast auf der c/o Pop und Resident-DJ im „Salon Des Amateurs“ kommt vom Punk, schätzt die Düsseldorfer Kraut-Vergangenheit und mixt Breakbeat, House, Techno sowie obskure Zwischenformen unerschrocken zu einem wilden Gegenwartssound.

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Fortuna Ehrenfeld Illustration, © Saskia Wragge

„Wir sind das letzte Kommando, verliebt und loyal. Zwei beknallte Piloten mit viel Potential. Zwei Mangas in Tangas, verkannte Genies. Reisegruppe „Seltsam“ auf'm Weg ins Paradies“. Der letzte Song unserer Playlist zum Sound Kölns klingt seltsam, berührend, verzaubernd durch die Kopfhörer, als wir am Kölner Hauptbahnhof aus der Bahn steigen. Wir sind mit dem Produzenten und Songschreiber Martin Bechler verabredet. Der elektronisch angehauchte Pop, den er unter dem Namen Fortuna Ehrenfeld spielt, gehört zum Besten, was die Kölner Musikszene in den vergangenen Jahren hervorgebracht hat. Die Songs des End-40ers sind schwer zu greifen. Sie pendeln zwischen feinnervigen Piano-Miniaturen und rotzig-explosivem Punk. Ihren zwingenden Charme ziehen sie aus der Fülle von Textzeilen, die man sich ins Herz tätowieren will. Und aus zahlreichen Momenten der Irritation und Brechung, in denen man Bechlers Liebe zum Theater wiedererkennen kann. Auf der Bühne spiegelt sich dies darin wider, dass der Songschreiber als schluffiger Schlafanzugträger mit Federboa und Bärentatzen an den Füßen auftritt. Die Konzerte, die er als Trio zusammen mit den hochtalentierten jungen Kölner Musikern Paul Weißert und Jenny Thiele spielt, sind ein Erlebnis. Es ist faszinierend zu beobachten, wie aus dem anfänglich erstaunten Kichern des Publikums innerhalb weniger Songs ein Zuhören mit geöffnetem Mund und feuchten Augen wird. 2017 erschien mit „Hey Sexy“ auf dem Hamburger Label Grand Hotel van Cleef sein zweites Album. Es ist vielleicht die Quintessenz dessen, was den Sound Kölns in der Gegenwart ausmachen kann: Relevanter, grenzensprengender Pop ohne Angst vor Pathos und Gefühl und mit dem Wissen um die reichhaltige Kölner Popgeschichte.

Fortuna Ehrenfeld - Das Letzte Kommando


© Clash Wien

Martin Bechler begrüßt uns in seinem Studio im Schatten des Kölner Doms. Hier arbeitet er Tür an Tür mit anderen in einer Studiogemeinschaft. Unter anderem teilt er sich die Räume mit den erfolgreichen TV- und Filmmusikproduzenten René Dohmen und Joachim Dürbeck. Wir beginnen das Gespräch mit der Frage, wo er die Anfänge seiner Leidenschaft für Musik verorten würde. „Eltern“, sagt Bechler wie aus der Pistole geschossen. „Meine Mutter hat sehr gut Klavier gespielt, es wurde damals noch Hausmusik gemacht und in meiner frühen Kindheit bin ich gefüttert worden mit zwei Dingen: Das eine waren die Beatles und das andere war Kurt Weill. Die ‚Dreigroschenoper‘ habe ich so lange um die Ohren gehauen bekommen, bis ich sie auswendig konnte. Zum Glück.“ Er wächst in einem kleinen Städtchen im tiefsten bergischen Land auf. 60 Kilometer von Köln entfernt. Schon mit fünf Jahren beginnt er Klavier zu lernen, bis ihm die Pubertät dazwischen kommt „Ich bin eine Zeit lang sehr gerne zum Klavierunterricht gegangen“, erzählt er. „Das war eine jahrelange Faszination, so ein unglaubliches Gerät beherrschen zu können. In der Hochpubertät entstand dann aber auch eine unglaubliche Ablehnung gegen die konformistische, konservative Haltung meines Klavierlehrers. Und als dann das Rock’n’Roll-Hirn erwacht war, wurde die Sehnsucht nach Chaos und Lautstärke enorm.“ Er beginnt Schlagzeug zu spielen, bewusst ohne jegliche Anleitung durch einen Lehrer. Im Heizungskeller seines Elternhauses hämmert er den pubertären Frust, die Wut und Energie in die Trommeln und Becken. AC/DC, die Experimentierlust von Trio, die emotionale Aufwühlung von Beethovens Symphonien, die Mischung aus Chaos und Struktur von Frank Zappas Mothers of Invention werden zu Initialzündungen. „Ich war damals einer dieser Radio-Mitschneider, immer mit dem Finger auf der Aufnahme-Taste“, erinnert Bechler einen entscheidenden Moment. „Anfang der 80er, in der Mitte der Neuen Deutschen Welle, kommt auf einmal: Jimi Hendrix! Ich konnte noch nicht einmal mehr ‚record‘ drücken, weil ich dermaßen superstoned davon war. Da wurde vollkommen klar, da tut jemand etwas, was sonst niemand tut. Das war ein Meilenstein, nach dem ich wusste: Geh raus in die Welt und such die, die das so machen.“

Fortuna Ehrenfeld - Hundeherz


© Grand Hotel van Cleef

In der ländlichen Umgebung des Bergischen Lands beginnt er, auf die Bühne zu treten. „Hart an der Grenze zur Peinlichkeit rangierend gab ich mein Bestes, als Local Hero in den örtlichen Rockbands die langen Haare durch die Jugendzentren von Waldbröl zu schütteln“, beschreibt Bechler diese Zeit augenzwinkernd. Mitte der 90er Jahre kommt er nach Köln. Hier arbeitet er als Musiker, Texter, Komponist, Produzent, Tonmeister, Engineer für andere, für Humorarbeiter wie Rainald Grebe und Hagen Rether, für die Schauspielerin Anna Thalbach oder den Pianisten Hans Liberg, für die Kölner Philharmonie ebenso wie für Fernsehsender. Von diesen Künstlerinnen und Künstlern lernt er, was es heißt, sich eine unbestechliche Eigenständigkeit zu entwickeln. Die Jahre ‚in der zweiten Reihe‘ schärfen aber auch seinen eigenen musikalischen Ansatz. Weg von einem radio-orientierten Sound der Überwältigung, lautet sein Credo: Weniger ist mehr. „Das Hauptmerkmal bei einer Fortuna Ehrenfeld-Produktion ist: Löschen! Lass weg! Braucht kein Mensch!“, erklärt er. „Ich will alles, was man hört, möglichst einfach halten, damit man das, was da ist, möglichst intensiv wahrnimmt. Ob der akustische Gitarrensound in den Höhen noch ein Sahnehäubchen kriegen kann, geht mir am Arsch vorbei. Es geht um den Song. Alle Prominenz gehört dem Song, nicht irgendwelchen überflüssigen klanglichen Details.“ Man kann diesen Ansatz hören im Minimalismus seiner Single „Matrosen“ oder dem verzaubernden Liebeslied „Gegen die Vernunft“.

Fortuna Ehrenfeld - Matrosen


© FortunaEhrenfeldVEVO

Mittlerweile sind es über 20 Jahre, die er seine Homebase in der Domstadt hat. Augenblicklich baut er sich ein neues Studio in Köln Bickendorf. Und dennoch missfällt es ihm, seine Songs zu stark mit der Stadt und ihrer Popgeschichte in Verbindung gebracht zu sehen. „Klar war Köln für mich damals, als totales Landei, erst mal der Hammer. Hier gab‘s Clubs, die wir nicht hatten. Hier gab‘s eine Straßenbahn, die wir nicht hatten. Das war erst mal eine große Faszination und auch Inspiration. Aber ich kann wirklich nicht sagen, dass Köln für mein Arbeiten wichtig wär. Das was ich brauche sind ein dunkles Kellerstudio, eine Steckdose und ein Bahnhof.“ 

Bechler ist, das Wort passt auf ihn, wie auf wenige andere aktuelle Songschreiber, ein Freigeist. Zugehörigkeiten zu Szenen, Genres oder dem Sound einer Stadt interessieren ihn überhaupt nicht. Als wir ihn auf den Sound von Köln, die Pfadabhängigkeiten in Düsseldorf von Kraftwerk zu Stabil Elite, aber auch die strengen Regeln der Hamburger Szenen ansprechen, gibt er dementsprechend eine Antwort voll auf die zwölf: „Ich bin sehr früh darauf gekommen, dass es mir komplett am Arsch vorbei geht, Musik zu kategorisieren. Verzeih mir, das sind die Journalisten, die sowas brauchen. Jemand, der Musik hört, dem ist das doch sowas von Latte, ob das nun Indie-Trash-Speed-Country ist oder nicht... Ich habe sehr früh für mich gemerkt, dass ich auf sowas keinen Bock hab. Meine Logik ist: Das wirkliche, unfassbare Geschenk von Musik ist ihre Vielfalt.“ Er holt Luft und ergänzt: „Bislang ist mir das nicht so recht passiert, aber sollte jemand versuchen, mich in eine Szene zu stecken oder mir Regeln aufzudrücken, dann werde ich ihm getrost ins Gesicht lächeln und darum bitten, mir meine Zeit nicht zu stehlen. Wer immer an solchen Lager-Bildungen mitarbeitet, aus Nerdigkeit oder aus Coolness-Gründen oder Spitzfindigkeit oder aus Wichtigmachen, der ist für mich ein verkackter, armseliger Spießer. Man möge mich bitte damit in Ruhe lassen..!“ 

Trotz dieser kompromisslosen Autonomie und der absoluten Gegenwärtigkeit der Sounds, stehen die Songs von Fortuna Ehrenfeld knietief in der Kölner Popgeschichte. Schon allein deshalb, weil die beiden bislang veröffentlichten Alben von René Tinner mitgestaltet wurden. Der Schweizer ist eine in der Öffentlichkeit häufig übersehene Produzentenlegende und hat im Anschluss an Arbeiten mit Can, Trio und Lou Reed von 1978 bis 2007 das legendäre Can-Studio in Weilerswist bei Köln geleitet. Schon deshalb fragen wir Martin Bechler nach Köln vermutlich prominentester Band. „Can ist sehr spezielle Musik, die ich mir manchmal anhören kann und manchmal nicht“, sagt Bechler und erklärt dann, was für ihn das Inspirierende an der Band ist: „Can waren eine Kölner Band, die sehr früh schon gesagt hat: Wir machen das hier so, wie wir wollen und der Rest kann uns am Arsch lecken. Auch intern gab es eine große Freiheit, sich Dinge zu erlauben. Das hatte eine Unbestechlichkeit. Und nur darum geht’s.. Und in Köln gab es natürlich auch René Tinner und Conny Plank. An solchen Menschen siehst Du, dass hier dann doch irgendwas im Trinkwasser sein muss, das Köln zu einem Milieu macht, in dem Sachen erfunden und vorurteilsfrei vorangetrieben werden konnten, die dann vieles andere ausgelöst haben.“ 

Aber genauso wenig, wie Martin Bechler Lust hat, sich in eine Genre-Schublade ‚Köln-Sound‘ packen zu lassen, ist er bereit, an einer lokalpatriotischen Feier mitzumachen. So fährt er gleich nach seinem Lob über Can und Conny Plank fort: „Wir ruhen uns augenblicklich aber zu sehr auf dem Teppich aus, was hier in Köln alles schon stattgefunden hat. Tatsache ist doch: Heute werden uns die Räume genommen in einer rasenden Geschwindigkeit. Stichwort: Gentrifzierung. Das verbinde ich heutzutage mit Köln: einen massiven Verlust an Lebensqualität, weil es immer weniger Orte gibt, wo Livemusik passieren kann, weil sich wegen der scheiß veganen Eisdielen keiner mehr die Mieten leisten kann, weil uns alle schönen Industriegebiete, wo die Künstlerateliers waren, wo es in den illegalen Clubs so richtig geknallt hat, genommen werden.“ 

Auf seine Weise stellt er sich solchen Entwicklungen entgegen. Das Projekt Fortuna Ehrenfeld lässt sich auch als ein Widerstandsnest des Nonkonformismus verstehen. Besonders präzise bringt es der Song „Das letzte Kommando“ auf den Punkt: „Was ist bloß aus den Punks geworden? Alle machen Webdesign. Toffifee auf Eierschaukel. Kann ja wohl nicht sein. Lieber am Arsch, als einer von denen. Lieber am Arsch, es muss doch irgendwas geben. Schrei mal ganz laut Scheiße, und dann hau mir eine rein.“

„Das ist gerade das Auszeichnende daran, glaube ich. Dass so viel nebeneinander passieren und entstehen kann, leben kann und man sich trotzdem kennt und es einen Zusammenhalt gibt. Dass es keine Zäune gibt zwischen den Gruppen oder den Genres. Ich bilde mir ein, da können die Kölner – nicht Köln! – schon stolz drauf sein.“, sagt Kerstgens. Wir trinken noch einen Kaffee und dann noch einen, diskutieren die Kölner Popmusikgeschichte, beklagen den Kölschen Klüngel, trinken noch einen Kaffee und reden über Kölns beständige Sehnsucht nach Anerkennung, seine Freude am Populären, seine Sympathie für den uncoolen Underdog und das besondere Kölsche Levvensjeföhl. „Ja“, sagt Suzie Kerstgens dann zum Schluss. „Hier in Köln kann man uncool sein! Das finde ich super. Hier gibt es nicht den Drang, immerzu zu sagen: Ich bin aber hip, ich bin aber so cool. Nein, hier ist man eben uncool, weil es niemand es nötig hat, cool zu sein.“ 

Abbinder und Playlist

Dieser Text ist die überarbeitete, gekürzte und ergänzte Fassung des Kapitels „Köln: Der Nabel der Welt“ aus dem Buch „Sound of the Cities. Eine popmusikalische Entdeckungsreise“, Kein & Aber 2016, ISBN: 978-3-9540-3091-0. Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Kein & Aber AG, Zürich.
www.keinundaber.ch/literary-work/sound-of-the-cities/
Im Buchhandel erhältlich.

Sound of #urbanana: Köln - Playlist

 

Alle Kölner Popspots

Zum Nachlesen


Ansicht auf den Digitalen Guide "Sound of #urbanana", © Tourismus NRW e.V.
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Literatur

Logo sound of #urbanana, © Tourismus NRw e.V.
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Über das Projekt

Club Bahnhof Ehrenfeld, © Ole Löding
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