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Wildkräuterwiese, © Ralph Sondermann

Von der Wie­se di­rekt auf den Tel­ler

As­trid Sau­bert – Kräu­ter­pa­dago­gin mit ei­ge­nem Ca­fé

„Das ist übrigens der Gundermann.“ Astrid Saubert bückt sich, pflückt eine kleine unscheinbare Pflanze und reibt sie zwischen ihren Fingern. „Der schmeckt gut in Schokoladenkuchen oder in Kräuterlimonade. Sie können aber auch Möhrengemüse mit Gundermann würzen.“ Die Kräuterpädagogin ist in ihrem Element. Es wird nicht das einzige Mal bleiben, dass die 56-Jährige unterwegs stehen bleibt und etwas vom Boden pflückt. Mal ist es Kompasslattich, mal Wiesenbärenklau. Auch Berufs- und Johanniskraut wachsen irgendwo am Straßenrand. Baldrian. Labkraut. Und Knoblauchrauke. „Riechen Sie mal.“ Tatsächlich. Rund 160 Kräuter kennt Astrid Saubert nicht nur beim Namen. Sie weiß auch, wozu sie gut sind, welche heilende Wirkung sie haben und wie man sie in der Küche zubereiten kann. Heute auf der Speisekarte ihres kleinen Kräutercafés in Geilenkausen: Fichtenspitzenpesto, bunter Wiesensalat „Mäh und Muh“ und Nesselfieber, hausgemachte Brennnessel-Gnocchi in pikanter Tomatensoße mit wilden Kräutern und Blüten. Guten Appetit.

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    Nesselfieber - Brennnesselgnocchis mit Tomatensoße, © Ralph Sondermann
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    Wilder Mohn auf Wiese, © Ralph Sondermann
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    Kräuter am Wegesrand, © Ralph Sondermann
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    Kuh im Bergischen Land, © Ralph Sondermann

In der al­ten Dorf­knei­pe

Der Tresen ist noch im Original erhalten. Holzvertäfelt, Eiche brutal. Wie das in alten Dorfkneipen eben so war. Die lindgrün gestrichenen Wände zieren dagegen filigrane Farne, Gräser und Schmetterlinge. Es ist gemütlich. Teller und Tassen sind bunt. Es gibt eine reiche Auswahl an Kräutertees sowie selbstgemachte Chutneys, Fruchtaufstriche und Wildkräutersenf. „Mit der Einrichtung bin ich noch nicht ganz fertig“, sagt Astrid Saubert beinahe so, als wolle sie sich entschuldigen. „Schöne Gardinen fehlen noch.“ Und auch sonst hat die Frau mit dem besonderen Händchen für alles, was grünt und blüht, noch viele Ideen für ihr Kräutercafé direkt am Bergischen Panoramasteig. Doch alles der Reihe nach. Schließlich war die Sache am Anfang so gar nicht geplant. Lediglich einen kleinen Raum wollte Astrid Saubert anmieten, um Kräuterseminare anzubieten. Und plötzlich hatte sie die ganze Dorfkneipe gepachtet ...

Überhaupt hat sich im Leben der 56-Jährigen so einiges verändert, seit sie vor zehn Jahren das erste Mal den Gedanken hatte, „irgendetwas anderes zu machen“. Sie wollte nicht länger neun Stunden am Tag im Blumenladen stehen, schwere Vasen und Töpfe schleppen müssen sowie irgendwelchen Pestiziden und Herbiziden ausgesetzt sein. Das war der erste Schritt. Bis es soweit war, vergingen jedoch noch zwei Jahre. In dieser Zeit kam der gelernten Floristin erstmals das Wort Kräuterpädagogin unter. „Ich wusste bis dahin gar nicht, dass es so etwas überhaupt gibt“, gibt Astrid Saubert zu und erzählt selbst ein wenig ungläubig davon, wie sie das Wort im Gebet plötzlich gehört habe. Die Entscheidung war also gefallen. Es folgten eine zweijährige Ausbildung an der Gundermann-Akademie in Münstereifel, geführte Kräuterwanderungen durch die Wälder und blühenden Wiesen in ihrer Wahlheimat Waldbröl sowie Seminare im eigenen Wohnzimmer. Das wurde jedoch bald zu eng.

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    Kräutercafé in Waldbröl, © Ralph Sondermann
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    Wanderweg im Bergischen Land, © Ralph Sondermann
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    Großer Garten vor dem Kräutercafé, © Ralph Sondermann
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    Bergische Kuh, © Ralph Sondermann
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Kräuterwanderung, © Ralph Sondermann

„Irgendwann habe ich dann all meinen Mut zusammengenommen und in meine eigene Firma investiert.“

Völ­lig über­rum­pelt

Selbst überrascht von dem großen Interesse an ihrem neu erworbenen Wissen und dem selbst kreierten Girschpesto, „habe ich dann irgendwann all meinen Mut zusammengenommen und in meine eigene Firma investiert.“ Eine Jausenstation wie in den Bergen schwebte ihr vor. Mit einer kleinen Karte. Das könnte funktionieren, dachte sie damals. Zumal nicht nur der Bergische Panoramasteig direkt an dem alten, liebevoll mit Blumen dekorierten Fachwerkhaus und der einladenden Terrasse vorbeiführt. Auch Wanderer, die auf dem Bergischen Weg, dem Waldmythenweg und dem Fachwerkweg das Bergische Land erkunden, kehren im Kräutercafé von Astrid Saubert ein. Dass es jedoch gleich am sonnigen Eröffnungswochenende im April 2016 so viele sein sollte, das hat die patente Frau dann doch umgehauen. Schuld war ein Zeitungsartikel, von dem sie gar nichts wusste. „Bis ich morgens um acht Uhr in meine Mails geguckt habe...“ Lebhaft, als sei es gestern gewesen, erzählt Astrid Saubert dann, „wie die Leute plötzlich Schlange standen“. Wie eine Freundin den ganzen Tag gebacken und die Leute aus dem Dorf geholfen haben. Wie sie plötzlich keine Teller und Tassen mehr hatten und sie schon „wegen Überrumpelung“ wieder schließen wollte. Es wäre eine schlechte Entscheidung gewesen.

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    Bergischer Panoramasteig Wegweiser, © Ralph Sondermann
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    Fichtenspitzentorte, © Ralph Sondermann
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    Wegweiser vom Fernwanderweg Bergischer Panoramasteig, © Ralph Sondermann
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    Fichtenspitzen-Pesto, © Ralph Sondermann

Schüt­tel­but­ter ist der Jo­ker

Als Astrid Saubert im vergangenen Herbst dann aber doch gezwungen war, ihr Kräutercafé monatelang zu schließen,

„war das Einzige, was ich machen konnte, kochen und backen“.

Also erfand sie den Picknickrucksack, gefüllt mit Kräuterlimo, Vorspeise, Hauptgang und Nachtisch. Ein Riesenerfolg. „Die Leute haben mit den Rucksäcken Geburtstage auf den Wiesen gefeiert“, freut sich die Kräuterpädagogin, die jeden Morgen zum Sammeln in die Kräuterwiesen geht und regelmäßig auch Kinder durch die blühende Natur bei Waldbröl führt. „Kinder sind überhaupt nicht ängstlich“, sagt die Mutter von zwei erwachsenen Söhnen. Im Gegenteil. Anders als viele Erwachsene, hätten sie überhaupt keine Berührungsängste. Und wenn es ihnen doch mal langweilig werden sollte, hat Astrid Saubert immer ein Glas Schüttelbutter dabei. „Mein Joker“, sagt sie, lächelt und pflückt mal wieder etwas von der Wiese. Es könnte Kompasslattich sein. Oder doch Wiesenbärenklau?

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    Giersch, © Ralph Sondermann
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    Astrid Saubert während ihrer Kräuterwanderung, © Ralph Sondermann
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    Fichtenwald im Bergischen Land, © Ralph Sondermann
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    Gummistiefel vor der Haustür, © Ralph Sondermann
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Astrid vor ihrem Kräutercafé in Waldbröl, © Ralph Sondermann

3 Fra­gen an As­trid Sau­bert

Wahl­hei­mat im Ber­gi­schen Land

Sie haben 48 Stunden freie Zeit. Was würden Sie mit dieser Zeit auf jeden Fall in NRW machen?

Astrid Saubert: Ich würde eine Radtour entlang der Sieg oder an einer der schönen Talsperren im Bergischen Land machen. Natürlich hätte ich auch mein Bestimmungsbuch in der Tasche, um spannende neue florale Entdeckungen zu machen.

Welchen Ort in NRW haben Sie zuletzt neu für sich entdeckt?

Astrid Saubert: Ein wunderschöner Ort, den ich für mich entdeckt habe, ist die Krickenbecker Seenplatte, ein Vogelschutzgebiet in Nettetal. Die Gegend dort am Niederrhein ist toll, um Wanderungen zu unternehmen, Fahrrad zu fahren oder einfach nur die Seele baumeln zu lassen.

Ihr persönlicher Lieblingsplatz in NRW?

Astrid Saubert: Am liebsten bin ich zu Hause ... in dem kleinen Ort Geilenkausen im schönen Bergischen Land. Hier habe ich meine Wahlheimat gefunden.

Volker Dingebauer, © Ralph Sondermann, Tourismus NRW e.V.