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Jörg Albrecht - Gründungsdirektor und künstlerischer Leiter des „Center for Literature“, © Ralph Sondermann, Tourismus NRW e.V.

Stadt, Land, Burg

Jörg Albrecht macht Burg Hülshoff hip für die Zukunft

Jörg Albrecht war noch ein Teenager, als er seine ersten literarischen Texte schrieb. „Ausgerechnet Lyrik.“ Bei dem Gedanken an das, was er damals so zu Papier gebracht hat, muss er selbst schmunzeln und fügt schnell noch hinzu: „Als ich 19 Jahre alt war, habe ich damit aufgehört.“ Geschrieben aber hat der heute 37-Jährige weiter, hat vier Romane veröffentlicht und wurde schon früh mit Literaturpreisen ausgezeichnet. Nun sitzt er auf der Terrasse von Burg Hülshoff in Havixbeck, dem Geburtsort der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff, und spricht mit DeinNRW über seine neue Aufgabe als Gründungsdirektor und künstlerischer Leiter des „Center for Literature“. Fast so, als schließe sich hier der Kreis.

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    Burg Hülshoff in Havixbeck, © Ralph Sondermann, Tourismus NRW e.V.
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    Jörg Albrecht - Gründungsdirektor und künstlerischer Leiter des „Center for Literature“, © Ralph Sondermann, Tourismus NRW e.V.
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    Büste der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff, © Ralph Sondermann, Tourismus NRW e.V.
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    Auf den Spuren von Annette von Droste-Hülshoff, © Ralph Sondermann, Tourismus NRW e.V.
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Blick vom Burggraben auf Burg Hülshoff, © Ralph Sondermann, Tourismus NRW e.V.

Es ist einer dieser schönen Sommertage, als wir Jörg Albrecht an seiner neuen Wirkungsstätte besuchen. In prächtigen Farben blühen die Hortensien im Park von Burg Hülshoff. Spaziergänger machen Rast im Schatten eines Baumes. Sie werfen einen interessierten Blick auf die Büste der Dichterin und genießen die Aussicht auf das weitgehend erhaltene Renaissance-Ensemble mit Herrenhaus, Vorburg und dem hübschen Pavillon am Ende der Allee, die von der Burg direkt in den Wald führt. Annettes Teehäuschen. Im Burggraben drehen die Enten gemütlich ihre Runden, tauchen ab und zu unter und strecken den Schwanz in die Höhe, um ein wenig abzukühlen. Eine Gruppe Radfahrer wartet derweil im Innenhof auf Einlass in die Burg. Selbst mehr als 30 Grad Celsius haben sie nicht abhalten können, um sich auf ihrer Tour durchs Münsterland die reich bestückte Bibliothek der adligen Familie von Droste-Hülshoff und die vielen persönlichen Andenken der Dichterin anzuschauen. Andere Ausflügler bleiben noch kurz vor dem überdimensionalen, künstlerischen Porträt der Dichterin im Eingang zur Vorburg stehen, um sich dann im kleinen Burgcafé einen Platz unter dem Sonnenschirm zu sichern. Wieder andere suchen sofort Abkühlung im Gewölbekeller.

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Detail der Burganlage von Burg Hülshoff, © Ralph Sondermann, Tourismus NRW e.V.

„Das ist doch toll“, sagt unser Gastgeber mit einem Mal und schaut sich um, als entdecke er die Schönheit dieses Ortes jeden Tag aufs Neue. Ein Ort von historischer Bedeutung, den er bewahren und hip für die Zukunft machen soll.

„ So einen Schatz musst du erstmal haben, einen Ort an dem die Leute gerne sind und wo man selbst etwas hinzufügen und Gäste einladen kann.“

Das klingt nach entspanntem Arbeiten. Von wegen. Denn Albrecht ist nicht als „Burgherr“ nach Havixbeck gekommen. Oder gar um Hof zu halten. Der Mann mit der runden Brille, der Baseball-Kappe und dem sorgsam gestutzten Bart hat eine Mission, oder besser: eine Vision. Unter seiner Leitung soll Burg Hülshoff eine multifunktionalen Veranstaltungs- und Ausstellungsstätte werden, in der es keine Grenzen mehr zwischen den Genres gibt. Seine Aufgabe dabei: „Die Transformation zu denken, alte Muster aufzubrechen und neue Perspektiven zu entwerfen.“

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Jörg Albrecht im Dachgeschoss der Vorburg, © Ralph Sondermann, Tourismus NRW e.V.

„Meine Aufgabe? Die Transformation zu denken, alte Muster aufzubrechen und neue Perspektiven zu entwerfen.“

 

Dr. Jörg Albrecht

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Detailaufnahme, © Ralph Sondermann, Tourismus NRW e.V.

Poesie und Politik

Um diesen Prozess aus „Events, Forschung und Residenzen“ in Gang zu bringen, hat der 37-Jährige Anfang des Jahres die lebhafte Metropole Berlin verlassen und sich für ein Leben im Münsterland entschieden. Manchen in seiner Umgebung hat dieser Schritt womöglich gewundert, doch Albrecht – in Dortmund aufgewachsen – schätzt die Region. Dutzende Schlösser und Burgen reihen sich hier wie an einer Perlenkette aneinander, und kaum eine Region kann man besser mit dem Rad erkunden als die ländliche Umgebung rund um die Studentenstadt Münster.

„Viele Menschen unterschätzen das Land“, sagt Albrecht, noch bevor wir fragen. „Aber was bedeutet überhaupt Stadt und Land? Was ist heute anders als noch vor zehn Jahren? Was macht die Orte zu dem, was sie sind? Das sind die Fragen, die uns hier beschäftigen.“ Antworten darauf hat er noch keine. „Aber genau darum bin ich ja hier“, sagt Albrecht und sieht bei seiner Arbeit durchaus Parallelen zum Wirken der Annette von Droste-Hülshoff. Sie war es schließlich, die die Burg einst zu einem Ort der Poesie und der scharfsinnigen Reflexion der Welt machte. Ihr Bewunderer nennt sie nicht nur eine „Sprachmagierin“. Beeindruckt hat ihn vor allem, dass sie sich in ihren Werken schon mit so etwas wie Stadtentwicklung, mit der Rolle der Frau, mit Natur, Religion und letztlich auch mit der Globalisierung auseinandergesetzt hat. „Alles Themen, die uns in der heutigen Zeit auch beschäftigen.“

 

Impressionen & Videos


Droste-Museum in der Burg Hülshoff

Detailaufnahme, © Ralph Sondermann, Tourismus NRW e.V.
Droste-Museum in der Burg Hülshoff, © Ralph Sondermann, Tourismus NRW e.V.
reich bestückte Bibliothek im Droste-Museum, © Ralph Sondermann, Tourismus NRW e.V.
Das Droste-Museum gewährt lebendige Einblicke in die Lebensgewohnheiten des münsterischen Adels zur Zeit des Klassizismus und des Biedermeier., © Ralph Sondermann, Tourismus NRW e.V.
Ahnengalerie Droste-Museum Burg Hülshoff, © Ralph Sondermann, Tourismus NRW e.V.
historische Ritterrüstungen im Droste-Museum, © Ralph Sondermann, Tourismus NRW e.V.
Auf den Spuren von Annette von Droste-Hülshoff, © Ralph Sondermann, Tourismus NRW e.V.
Droste-Museum in der Burg Hülshoff in Havixbeck, © Ralph Sondermann, Tourismus NRW e.V.
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Am Ende der Allee steht ein Pavillon: Annettes Teehäuchen, © Ralph Sondermann, Tourismus NRW e.V.

„Viele Menschen unterschätzen das Land. Aber was bedeutet überhaupt Stadt und Land? Was ist heute anders als noch vor zehn Jahren? Was macht die Orte zu dem, was sie sind? Das sind die Fragen, die uns hier beschäftigen.“

Dr. Jörg Albrecht

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Jörg Albrecht, © Ralph Sondermann, Tourismus NRW e.V.

Albrecht will deshalb nicht nur Schriftsteller-Kollegen in seine neue Heimat holen und Lesungen veranstalten. Auch soll sich die Burg anderen Kunstarten wie dem Theater, Performances, Musik, Medien und Architektur öffnen. Der neue Hausherr will spannende Debatten über gesellschaftliche Themen anregen und lädt alle Besucher ein, den Prozess zu begleiten. Eingeleitet wurde der Umbau des geschichtsträchtigen Ortes im doppelten Sinne im Herbst mit dem Literaturvolksfest „Schaustellen“, eine Art kulturelle Kirmes mit der Burg als Mittelpunkt. Videos wurden auf die Wände projiziert, und ein überdimensionaler Presslufthammer symbolisierte den Beginn der Bauarbeiten. Veranstaltungen wie Lecture Performance, Sprachlabor, Klangcomic und eine Audio-Installation mit dem Titel „Dienstbare Geister“ stehen noch aus.

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Dr. Jörg Albrecht - Gründungsdirektor und künstlerischer Leiter des „Center for Literature“, © Ralph Sondermann, Tourismus NRW e.V.
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Blick in Vorburg: Burg Hülshoff in Havixbeck, © Ralph Sondermann, Tourismus NRW e.V.

Forschungsinstitut geplant

Bis auch der räumliche Umbau fertig sein wird, werden wohl noch ein paar Jahre ins Land gehen. Die Vorburg, ein alter Rinderstall, ist bereits entkernt, der Boden noch sandig. Nur ein paar alte Stromkästen hängen noch. Ausnahmsweise nimmt Albrecht uns heute mit auf den noch etwas maroden Dachboden. Noch so ein Schatz, den er den Leuten zugänglich machen will. Denn hoffentlich bald sollen internationale Künstler hier ihre Sicht auf die Welt präsentieren. In einem anderen Gebäudeteil sollen Unterkünfte und Tagungsräume entstehen. Und vielleicht ja irgendwann auch ein Büro für Jörg Albrecht. Denn noch steht sein Schreibtisch in Münster. „In der Burg ist schlicht kein Platz“, erklärt uns der Mann, der sich erst kürzlich die drei Worte Liberté, egalité, diversité auf den rechten Unterarm hat tätowieren lassen. Freiheit, Gleichheit, Vielfalt.

Drei Worte, die nicht nur das Lebensmotto des Literaten und Schauspielers beschreiben. Sie stehen auch für das, was auf Burg Hülshoff in den nächsten Jahren passieren soll. Neben Events und Diskussionen, neuen Formaten und Experimenten gilt der Fokus im „Center for Literature“ natürlich auch dem Erbe der einstigen Tochter des Hauses. Einmal im Jahr werden ihr, wie schon in der Vergangenheit, die Droste-Tage gewidmet. Geplant ist außerdem die Einrichtung eines Droste-Forschungsinstituts, das die Poetin „aus dem Regionalen herausholen und einem internationalen Publikum nahe bringen soll“. Alles Zukunftsmusik? Noch. Aber der Grundstein ist gelegt, und mit Jörg Albrecht genau der richtige „Bauherr“ gefunden.


 

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Jörg Albrecht in der Biblothek des Droste-Museums, © Ralph Sondermann, Tourismus NRW e.V.

Drei Fragen an Jörg Albrecht

Raus aus Westfalen, rein ins Ruhrgebiet oder zurück zu den Wurzeln

Jörg, Du hast 48 Stunden freie Zeit. Was würdest Du mit dieser Zeit auf jeden Fall in NRW machen?
Jörg: Wenn ich mal so viel Zeit habe, besuche ich alle meine Freunde und meine Familie im Ruhrpott und im Rheinland. Als erstes geht es natürlich zu meinen Eltern nach Dortmund, danach weiter nach Bochum. Dort besuche ich mein Patenkind. Ich habe auch noch Familie in Düsseldorf und auf dem Land, zwischen Köln und Bonn.

Welchen Ort in NRW  hast Du zuletzt für Dich neu entdeckt?
Jörg (lacht): Ich muss es einfach so sagen. Burg Hülshoff natürlich. Was sonst? Hier entdecke ich jeden Tag etwas Neues. Und das wird sich wohl in den nächsten Jahren noch steigern. Die Orte werden ja nach und nach transformiert. Was wir hier machen, ist also sozusagen ein programmierter Perspektivwechsel.

Dein persönlicher Lieblingsplatz in NRW.
Jörg: Eindeutig die Ruhr-Universität Bochum. Das ist doch super da. Ich find’s wahnsinnig schön ... auch die tolle Architektur.

Lieblingsorte & Tipps von Jörg Albrecht


Ruhrpott, Rheinland und Burg Hülshoff eben

Blick in den Innenhof von Burg Hülshoff, © Ralph Sondermann, Tourismus NRW e.V.
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Burg Hülshoff

Die St. Lambertikirche in Münster, © Oliver Franke / Tourismus NRW e.V.
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Fahrradstadt Münster

Ein typischer Baunerhof im Münsterland, © Oliver Franke, Tourismus NRW e.V.
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Münsterland

Zeltstadt KulturPur in Hilchenbach-Lützel, © KulturBüro! Siegen-Wittgenstein
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Kulturevents

Am Festivalsamstag der Parklichter dreht sich alles ums Thema Licht, © Werner Kruper
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Frag den Kulturkenner!

Unesco-Welterbe Schloss Augustusburg in Brühl, © Rhein-Erft Tourismus e.V. / photo Horst Gummersbach
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Kultur in NRW

Bundeskunsthalle Bonn bei Nacht, © Peter Oszvald Kunst- & Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn
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Top-Ausstellungen 2018

Extraschicht Ruhrgebiet Aussicht, © Ruhr Tourismus  Jochen Schlutius
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Ruhrgebiet

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Martje Saljé Türmerin, © Ralph Sondermann, Tourismus NRW e.V.