Wenn im Herbst die Tage kürzer werden, gehen im Ruhrgebiet die Leselichter an. Dann wird zwischen Essen, Bochum, Oberhausen und Gelsenkirchen nicht nur gelesen, sondern geredet, gestritten, gelacht und gelauscht. Die lit.RUHR verwandelt Theater, Kinos, Industriehallen und Kulturorte in Bühnen für große Geschichten, kluge Gedanken und jene überraschenden Begegnungen, wegen derer Kulturveranstaltungen wichtig sind: Gäste kommen wegen eines Namens und gehen mit einem neuen Blick auf die Welt.
Internationale Autorinnen und Autoren teilen sich die Abende mit Schauspiel- und Musikstars, Journalistinnen und Journalisten treffen auf Stimmen aus Politik und Gesellschaft. Es geht um Romane und Erinnerungen, um Gegenwart und Zukunft, um die großen Fragen und manchmal auch um die angenehm kleinen. Das Festival weiß: Literatur muss nicht ehrfürchtig im Bücherregal verschwinden. Sie darf laut sein, widersprechen, unterhalten – und gelegentlich auch den Finger auf die Seiten legen.
Dabei bleibt die lit.RUHR fest mit ihrer Region verbunden. Sie residiert nicht an einem einzigen Ort, sondern breitet sich über mehrere Städte des Reviers aus. Die Essener Lichtburg, das Schauspielhaus Bochum, das Theater Oberhausen, die KAUE Gelsenkirchen oder ehemalige Industriehallen auf dem Welterbe Zollverein zeigen, dass Nordrhein-Westfalens Kulturlandschaft nicht auf eine Location festgelegt ist. Sie hat viele Bühnen. Wer mehrere Veranstaltungen besucht, lernt ganz beiläufig verschiedene Gesichter der Metropole Ruhr kennen: mal glamourös, mal rau, mal denkmalgeschützt, mal sehr gegenwärtig.
Seit seiner Premiere 2017 hat sich das Festival als feste Größe in der nordrhein-westfälischen Kulturlandschaft etabliert. Etwa 65 Einzelveranstaltungen und rund 18.000 Besuchende pro Jahr sprechen für eine Strahlkraft, die längst über den klassischen Literaturbetrieb hinausreicht. Dazu tragen prominente Gäste bei, die das Programm Jahr für Jahr bereichern. Nick Hornby, Zadie Smith, Donna Leon, Martin Suter, Robert Menasse, Judith Hermann, Daniel Kehlmann, Cornelia Funke, Hape Kerkeling, Navid Kermani, Elke Heidenreich, Caroline Wahl oder Frank Schätzing: Die Gästeliste liest sich derweil selbst wie ein Bestseller.
Breites Literatur-Spektrum
Gerade diese Mischung ist der Reiz der lit.RUHR. Das Festival bewegt sich ohne Berührungsängste zwischen Gegenwartsliteratur, Sachbuch, Unterhaltung, politischer Debatte und Popkultur. Mal steht ein neuer Roman im Mittelpunkt, mal ein gesellschaftlicher Umbruch, mal eine literarisch-musikalische Begegnung. Soziale Ungleichheit, Demokratieverständnis und Erinnerungskultur finden ebenso Platz wie Klimafragen oder aktuelle Social-Media-Phänomene. Das klingt nach einem großem Themenkoffer. Genau der ist es auch. Nur wird er hier nicht schwerfällig geschleppt, sondern mit Lust am Gespräch geöffnet.
So wird aus dem klassischen Leseabend ein vielseitiges Festivalerlebnis für Menschen, die Kultur nicht nur hören, sondern erleben möchten. Die lit.RUHR ist somit ein Literaturfestival mit Ruhrgebietscharakter: direkt, offen, neugierig, manchmal kantig und gern mitten im Leben.
Auch junge Leserinnen und Leser kommen auf ihre Kosten. Mit der lit.kid.RUHR gehört ein eigenes Kinder- und Jugendprogramm fest zum Profil des Festivals. Lesungen für Schulklassen, Familienveranstaltungen und Mitmachformate wie Schreibwerkstätten öffnen Literatur für ein junges Publikum.