Ich bin wahrlich kein Frühaufsteher. An diesem Morgen aber zieht es ich zeitig aus dem Bett. Es ist schon herbstlich frisch, doch die Morgensonne scheint und ich laufe zum höchsten Punkt der Stadt. Ich erklimme den Lousberg, eine kleine grüne Oase mitten in der Stadt. Niemand außer mir ist hier an diesem Vormittag unterwegs, und ich genieße den Ausblick auf die Stadt und ihre wohl bekannteste Stadtlandschaft, die Soers. In nur wenigen Tagen trifft sich hier die internationale Reitelite beim CHIO.
Auch auf dem Katschhof, dem großen Platz zwischen dem Rathaus und der Rückseite des Doms, werden an diesem Morgen bereits Tribünen aufgebaut. Denn vor der imposanten Kulisse beenden jedes Jahr im September die Stabhochspringer ihre Saison. Leider kann ich so lange nicht bleiben, aber es warten ja auch so noch einige „Großereignisse“ auf mich. Zuallererst natürlich das Innere des Doms mit den glänzenden Reliquienschreinen und dem Kaiserthron, auf dem bis ins 16. Jahrhundert 32 Könige – und wohl auch einige Königinnen – gekrönt wurden. Vereinzelt macht sich Enttäuschung in der Gruppe breit. Denn es handelt sich lediglich um einen schlichten, aus Bodenplatten zusammengeschweißten „Stuhl“. Mehr nicht. Immerhin, so berichtet unser junger Domführer, sollen die Steinplatten der Seitenwände aus Jerusalem stammen. Vielleicht eine kleine Entschädigung.
Umso spektakulärer ist jedoch der Blick in die gotische Chorhalle, die im 15. Jahrhundert an das von Karl dem Großen erbaute Oktogon angebaut wurde. Der Reihe nach machen wir Fotos von den riesigen Glasfenstern, durch die das Licht in allen Farben scheint. Welchen Glanz wohl erst die Domschatzkammer noch zu bieten hat? Immerhin hütet sie den größten Kirchenschatz nördlich der Alpen.
Vor dem Besuch dort will ich mir meine Städtereise aber noch ein wenig versüßen. Etwas abseits der Innenstadt treffe ich Andreas Klein. Der gelernte Bäckermeister führt bereits in vierter Generation die familiäre Printenbäckerei, in der das ganze Jahr über das Traditionsgebäck produziert wird. Für mich riecht es, siehe oben, nach Weihnachten, als wir die Backstube betreten und der Chef endlich das Geheimnis lüftet. In die Original-Printe gehören Weizenmehl, Anis, Koriander, Zimt, Farinzucker, Nelken und Kandis. Kein Ei, keine Butter und keine Milch. Als einzige Flüssigkeit kommt Zuckersirup dazu. Und fertig ist das Grundrezept, das mal mit Schokolade, mal mit Nüssen oder Mandeln verfeinert und schließlich „ablackiert“ wird. Natürlich darf ich auch probieren und komme tatsächlich auf den Geschmack. Auch wenn es bis Weihnachten noch ein wenig dauert.
Nach so viel Zucker brauche ich am Abend dann aber doch etwas Herzhaftes. Also schlendere ich wieder durch die Gassen der Altstadt und kann mich kaum entscheiden. Die Biergärten am Markt sind gut gefüllt. Das idyllische Hof-Viertel ist ein beliebter Treffpunkt für den Feierabend. Und auch die Türen des Ratskellers sind geöffnet. Ich laufe trotzdem weiter zur Pontstraße, in das belebte Studentenviertel mit Bars und Kneipen, in denen immer bis spät in die Nacht was los ist. Immerhin sind knapp ein Fünftel der 275.000 Einwohner an der RWTH oder der Fachhochschule Aachen eingeschrieben. Bei einer libanesischen „Schawarma“ erinnere ich mich an meine eigene Studienzeit zurück. Schon lange her.