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Luftbild Vogelsang IP mit Eifel-Panorama, © Vogelsang IP-Dieter Zehner

Ge­schich­te er­fah­ren, Zu­kunft ge­stal­ten


Ein Rund­gang über das Ge­län­de der ehe­ma­li­gen NS-Or­dens­burg Vo­gel­sang

Platz zeugt von Un­ter­drü­ckung

Treffpunkt: Internationaler Platz. Rund 20 Besucher, darunter einige Gäste aus den Niederlanden, haben sich an diesem schwülen Sommertag auf dem ehemaligen „Adlerhof“ versammelt, um gemeinsam mit Jean-Marie Malaise einen Rundgang über das weitläufige Gelände bei Schleiden zu unternehmen. Der Belgier ist ein freundlicher, humorvoller Mann. „Führer nennen wir uns hier nicht“, sagt er gleich zur Begrüßung, und seine Gäste müssen lachen. Es ist ein Lachen, das sprichwörtlich im Halse stecken bleibt. Immerhin befinden wir uns an dem Ort, an dem die Nationalsozialisten einst ihre Macht und  Menschenverachtung demonstrierten. Wie kaum ein anderer Platz zeugt die ehemalige NS-Ordensburg Vogelsang hoch über dem Nationalpark Eifel noch heute von absolutem Größenwahn und Unterdrückung.

Vom „Adlerhof“, wo seit einigen Jahren ein modernes Besucherzentrum über das Gelände informiert, führt links und rechts eine große Freitreppe hinunter. Unser heutiger Gästebegleiter hält eine große Schwarzweiß-Aufnahme hoch. Hunderte junge Männer sind darauf zu sehen. In Reih und Glied stehen sie auf dem Appellplatz, sind kaum voneinander zu unterscheiden. „Menschenmaterial“, nennt sie Jean-Marie.

„Menschenmaterial, das man formen wird, wie man es braucht.“

Denn von oben blickt die Führungselite der Nationalsozialisten auf die jungen Männer herab, die hier zu sogenannten Ordensjunkern ausgebildet werden sollten. Ein ungutes Gefühl durchfährt die Besucher, die plötzlich selbst die Position der „uniformen Masse“ einnehmen. Hierarchie sichtbar gemacht durch Architektur.

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Vogelsang IP, Bestimmung Herrenmensch Ausstellung, © Vogelsang IP-Roman Hövel

Schre­cken vor wun­der­schö­ner Ku­lis­se


Ideo­lo­gie des Ter­ror­re­gimes

Der Ort für diese Kaderschmiede ungeheuren Ausmaßes war übrigens nicht zufällig gewählt.  Denn weit schweift der Blick über die Wälder und Seen im heutigen Nationalpark Eifel. Ein wahres landschaftliches Idyll. Kaum vorstellbar, dass hier die Ideologie eines Terrorregimes gelehrt wurde. Um zu mahnen und zu erinnern, wurden Teile der ehemaligen Ordensburg, beispielsweise der ehemalige Klassenraum und die Unterkünfte, erhalten und zu einem Internationalen Platz (IP) für Toleranz, Vielfalt und ein friedliches Miteinander umgestaltet.

An dem geschichtsträchtigen Ort fühlt man sich der Vergangenheit ebenso wie der Zukunft verpflichtet, weshalb zahlreiche Workshops, Seminare und Fortbildungen zu historisch-politischen Themen veranstaltet werden. Zudem gibt es regelmäßig ein Kulturcafé, bei dem die Menschen aus der Region mit den Geflüchteten miteinander ins Gespräch kommen. Die Rotkreuz Akademie Vogelsang IP engagiert sich mit eigenen Einrichtungen auf dem Gelände für Humanität und Menschenrechte. Und auch das Nationalpark-Zentrum Eifel mit der Erlebnisausstellung „Wildnis(t)räume“ ist hier beheimatet. Alles unter dem Titel „Geschichte erfahren. Natur erleben. Zukunft gestalten.“

 „Bei uns ist jeder willkommen“, sagt Jean-Marie Malaise, „gleich welcher Nationalität, Hautfarbe und Geschlecht“. Willkommen, Bienvenue, Welcome – so steht es am Eingang zum Besucherzentrum in dutzenden Sprachen. „Und genauso meinen wir das auch!“

Doch der freundliche Belgier, der bis vor ein paar Jahren selbst als Soldat hier stationiert war, kann auch anders. Plötzlich wird seine Stimme ganz ernst und bestimmt. „Wer meint, diesen Ort hier als Pilgerstätte missbrauchen zu müssen, fliegt sofort raus. Da kennen wir null Toleranz.“ Malaise nimmt kein Blatt vor den Mund und spricht mit seinen Begleitern auch über aktuelle Politik. Sie fragen, ob es ähnliche Vorfälle schon einmal gab und wie man so etwas verhindern kann.

Ge­bäu­de von gi­gan­ti­schem Aus­maß

Aufklärung ist das Stichwort. Aufklärung über das, was hier geschah und was die Nationalsozialisten auf dem Gelände noch geplant hatten, bevor ihnen im wahrsten Sinne des Wortes der Krieg dazwischen kam und die jungen Männer zur Wehrmacht eingezogen wurden. Wieder hält Jean-Marie ein Foto hoch, als die Gruppe am ehemaligen Tagungshaus vorbeikommt. Es zeigt die Pläne für das sogenannte „Haus des Wissens“. Das 100 Meter lange, noch erhaltene Gebäude sollte lediglich der Sockel für ein Gebäude von gigantischem Ausmaß sein. Ein ungläubiges Raunen geht durch die Runde. Lediglich ein Drittel dessen, was vorgesehen war, erklärt der Gästebegleiter, wurde auch tatsächlich verwirklicht.

Nach dem Ende des Krieges besetzten dann zunächst die US-Amerikaner das gut 100 Hektar große Gelände. Später kamen die Briten und schließlich die belgischen Streitkräfte, die den Truppenübungsplatz „Camp Vogelsang“ bis 2005 nutzten. Jean-Marie Malaise blieb auch nach dem Abzug seiner Kameraden in der Eifel. Er und seine Kolleginnen und Kollegen von Vogelsang IP bieten nun regelmäßig offene Führungen über das Areal sowie auf den 48 Meter hohen Vogelsang-Turm an, von wo aus man den schönsten Panoramablick über den Nationalpark genießt.

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Fotos in den NS-Dokumentationen zeigen, was die Attraktion eines Ortes wie Vogelsang während der NS-Zeit ausmachte., © Tourismus NRW e.V.

Im al­ten Trup­pen­ki­no der Bel­gi­er


Saal aus den 50er Jah­ren

Bevor er seine Begleiter dann nach gut eineinhalb Stunden wieder verabschiedet und ihnen noch einen Besuch der vertiefenden Dauerausstellung „Bestimmung: Herrenmensch. NS-Ordensburgen zwischen Faszination und Verbrechen“ ans Herz legt, führt er sie deshalb noch an einen Ort, an dem er selbst oft und gern war. Es ist der Kinosaal, den die Belgier hier in den 1950er Jahren einrichteten und in dem sich bis heute nichts verändert hat. Die hölzernen Kinosessel sind noch immer ein bisschen unbequem. Die Wände sind bespannt mit grünem Samt. Vor der Bühne gibt es einen kleinen Orchestergraben. Und die Beleuchtung ist ein wenig schummerig. Die Älteren erinnern sich. Nostalgie kommt auf. Und so bleibt am Ende nicht nur der Schrecken über die unvorstellbare Dimension der Unmenschlichkeit, sondern auch der Gedanke daran, wie man gemeinsam „Geschichte erfahren, Natur erleben und Zukunft gestalten“ kann.

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    Vogelsang IP, Bestimmung Herrenmensch Schriftzug, © Vogelsang IP-Roman Hövel
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    Vogelsang IP, Luftansicht auf das Forum, © Vogelsang IP
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    Das Gelände der ehemaligen NS-Ordensburg Vogelsang ist heute ein Internationaler Platz (IP) für Toleranz, Vielfalt und friedliches Miteinander., © Roman Hövel
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    Das Forum Vogelsang IP liegt inmitten der Mauern der ehemaligen NS-Ordensburg Vogelsang, © Tourismus NRW e.V.
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    Die Ausstellung "Wildnis(t)träume" ist im Nationalpark-Zentrum Eifel beheimatet., © Tourismus NRW e.V.
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Blick aus dem Gartenpavillon, © Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus
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Ade­nau­er-Haus in Bad Hon­nef

Außenansicht des Museums B. C. Koekkoek-Haus, © Tourismus NRW e.V.
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B.C. Ko­ek­ko­ek-Haus in Kle­ve

Ausstellungsansicht im BEGAS HAUS Heinsberg, © Tourismus NRW e.V.
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Be­gas Haus in Heins­berg

Lange war Burg Altena eine Ruine. Dann entschied Kaiser Wilhelm II. den Streit: er ließ die Burg im historisierenden Stil wieder aufbauen, © Tourismus NRW e.V.
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Burg Al­te­na in Al­te­na

Aussenansicht Burg Hülshoff, Havixbeck, © Ralph Sondermann, Tourismus NRW e.V.
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Burg Hüls­hoff in Ha­vix­beck