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Weserrenaissance-Museum Schloss Brake in Lemgo, © Tourismus NRW e.V.

Die Suche nach dem „Stein der Weisen“


Simon VI. und das Weserrenaissance-Museum Schloss Brake in Lemgo

Das letzte Stück auf dem Weg hinauf zu Schloss Brake ist schmal. Die steilen Treppenstufen sind im Laufe der  Mauern. Oben im Turmzimmer angekommen, landet man im „heimlich Gemach“ des Landesherrn Graf Simon VI. zur Lippe. So so, heimlich Gemach also! „Wir gehen davon aus, dass es sein Studierzimmer war“, sagt Museumspädagogin Dr. Susanne Hilker, noch bevor unsere Phantasie weiter ausschweifen kann. Also doch keine heimliche Liebschaft, wie man vielleicht hätte vermuten können. Vielmehr beschäftigte sich der Landesfürst im obersten Turmzimmer (Kamin, Toilette und Geheimarchiv inklusive) wohl schon damals mit Astronomie, Geographie, Alchemie, Musik und Sprachen.

Auch dafür hat Susanne Hilker eine Erklärung: „Im 16. Jahrhundert war Gelehrsamkeit hoch angesehen. Adelige wie Simon VI. korrespondierten mit Wissenschaftlern, kauften Gemälde auf dem internationalen Kunstmarkt, Musikinstrumente und kuriose Kunstwerke. Lebte Simon heute, würde er eine teure Armbanduhr tragen, das neueste Smartphone besitzen, und ein schicker Sportwagen stände vor seiner Tür.“ Damals umgab man sich mit schönen Dingen und steckte viel Geld in die Suche nach dem „Stein der Weisen“. Dieser, so glaubte man damals, könne unedle Metalle in Gold verwandeln. Auch Simon VI., der 1584 Schloss Brake zum lippischen Regierungssitz machte, investierte so manchen Taler in den angeblich verheißungsvollen Silbererzabbau, beschäftigte Alchemisten und pflegte einen, sagen wir mal, üppigen, repräsentativen Lebensstil.

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Innenansicht Weserrenaissance-Museum Schloss Brake, Lemgo, © Tourismus NRW e.V.

Labor und Wunderkammer

Als Simon 1613 starb, hinterließ er einen Berg an Schulden - sage und schreibe 800.000 Taler. Sein Sohn verlegte den Regierungssitz nach Detmold. Brake fiel an eine Nebenlinie und wurde letztendlich Witwensitz - bis Fürstin Pauline hier Beamtenwohnungen und eine Bierbrauerei einrichten ließ. Im Jahr 1811 war der Westflügel in einem so beklagenswerten Zustand, dass er abgerissen wurde. Die Überreste einer wertvollen Wandvertäfelung, die man im 19. Jahrhundert „einfach als Puffer unters Parkett gelegt hat“, konnten gerettet werden.

„Wie das Leben auf Schloss Brake war, was man aß und trank, wie man feierte und wie der Alltag aussah, erforschen wir seit Jahren und machen in unserem Museum die Geschichte lebendig“,  freut sich Susanne Hilker beim Rundgang durch die Ausstellung. Von Simon VI., der ein sehr gebildeter Mann war, sind schriftliche Aufzeichnungen erhalten. Er beherrschte mehrere Sprachen und pflegte engen Kontakt zu Kaiser Rudolf II. in Prag. Für ihn kaufte Simon VI. immer wieder Kunstwerke. Im Museum sind einige Beispiele zu sehen: Gemälde mit christlichen und mythologischen Szenen, Trinkgläser, Gobelins, Möbel, Tafelaufsätze und vieles mehr. Alles zusammen ergibt ein vielschichtiges und spannendes Bild der damaligen Zeit.

„Unser Highlight aber ist und bleibt der Turm“, sagt Museumspädagogin Hilker. In den Turmzimmern links und rechts des Treppenhauses sind das alchemistische Laboratorium, die Bibliothek und die Kunst- und Wunderkammer eingerichtet. Hier hängt kopfüber ein ausgestopftes Krokodil von der Decke. Ein Pokal, gefertigt aus einer Kokosnuss, gehört zu den Wundern der Kammer. In einem anderen Raum stehen Globen und liegen Landkarten und Zirkel auf dem Tisch. Im Laboratorium stehen Tiegel und Töpfe, in denen es einst gefährlich brodelte. Der weithin sichtbare Schlossturm verrät viel über den Zeitgeist, den Forscherdrang und Wissensdurst der Renaissance.

„Blaumachen“

Der Reichtum wurde auch damals gern zur Schau gestellt, was sich unter anderem anhand der präsentierten Kleidung gut nachvollziehen lässt. Wer bis zu 30 Kleider pro Person sein Eigen nannte, galt als reich. „Für damalige Verhältnisse ein Vermögen. Je mehr Röcke, desto mehr Reichtum“, sagt Susanne Hilker und lüftet an einem ausgestellten Modell den obersten Rock. Und noch einen, und noch einen… Damals durften die Damen übrigens auch gern ein wenig rundlicher sein: breite Hüfte und flache Brust waren angesagt. Besucherinnen von heute dürfen gern in die damalige Zeit eintauchen und sich einen „Weiberspeck“ umbinden. Die Herren hingegen betonten ihr „bestes Stück“ mit einer gepolsterten Schamkapsel. Mehr als 80 nachgeschneiderte Kostüme finden sich in der Kleiderkammer des Weserrenaissance-Museums Schloss Brake. Bei Erlebnisführungen und Veranstaltungen wie Workshops, Geburtstagen und Ritterspielen darf man hineinschlüpfen.

Ein besonderer Hingucker ist ein Kinderkostüm, bestehend aus einem mit Tulpen verzierten Stoff. Der Originalstoff stammte aus dem Osmanischen Reich und war extrem teuer. Die Tulpe galt damals als Symbol des Reichtums – ebenso wie die Farbe blau. Sie war nur schwer herzustellen und sehr teuer, weiß die Museumspädagogin, und schlägt so den Bogen zu noch heute gebräuchlichen Redewendungen aus der Zeit der Renaissance.

Der Ausdruck „blaumachen“ im Sinne von Faulenzen beispielsweise geht auf die damaligen Färber zurück. Für die Herstellung der Farbe benötigten sie Alkohol, Urin und Färberwaid, den entsprechenden Grundstoff für die Farbe. Also machten die Färber aus der Not eine Tugend und tranken (bevorzugt sonntags) zunächst reichlich Alkohol, um dann in den Bottich mit dem Stoff zu urinieren. Nach 24 Stunden war der Stoff blau gefärbt - genügend Zeit für die Färber, ihren Rausch auszuschlafen, und zwar bis einschließlich Montag.

All das und vieles mehr kann man im Weserrenaissance-Museum Schloss Brake jeweils dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr erfahren. Nähere Informationen gibt es auch im Internet unter www.museum-schloss-brake.de.

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    Weserrenaissance-Museum Schloss Brake, © Tourismus NRW e.V.
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    Kleid in Weserrenaissance-Museum, Schloss Brake in Lemgo, © Tourismus NRW e.V.
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    Luftbild Weserrenaissance-Museum Schloss Brake, © Tourismus NRW e.V.
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    Weserrenaissance-Museum Schloss Brake in Lemgo, © Tourismus NRW e.V.

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