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Winzer Felix Pieper , © Ralph Sondermann

Bes­te Hang­la­ge


Auf ei­nen Ries­ling mit Win­zer Fe­lix Pie­per

Möhrchen heißt eigentlich Janos, ist ein ungarischer Jagdhund und weicht seinem Herrchen normalerweise nicht von der Seite. Es sei denn, Möhrchen platziert sich erhobenen Hauptes auf dem roten Plüschsofa und schaut fragend in die Runde, die sich hier am frühen Morgen versammelt hat. „Als wäre er der legitime Nachfolger von Loriot“, scherzt Felix Pieper. Eigentlich ist er der Chef. Doch seit Janos vor einem Jahr in die Familie gekommen ist, hat der goldbraune Magyar Vizsla das Kommando auf dem Weingut Pieper übernommen. Sechs bis zehn Kilometer laufen der Winzer und sein treuer Begleiter täglich. Gemeinsam machen sie ihren Kontrollrundgang durch die steilen Weinberge oberhalb des Rheins und wandern weiter hoch zum Drachenfels, zu dessen Füßen sich ein Hauch Toskana mitten im Siebengebirge breitmacht.

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    Felix Pieper und Hund Janos im Weinberg , © Ralph Sondermann
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    Grüne Weintrauben , © Ralph Sondermann
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    Felix Pieper und Hund Janos im Weinberg, © Ralph Sondermann
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    Kleine Kapelle am Weinberg , © Ralph Sondermann
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Weinberg Weingut Pieper in Königswinter, © Ralph Sondermann

Der Frühnebel hat sich verzogen. Langsam zeigt sich die Sonne und die nördlichsten Weinberge Deutschlands leuchten in sattem Grün. In Reih und Glied stehen die Rebstöcke unterhalb des sagenumwobenen Felsens. Ein herrlicher Spätsommertag kündigt sich an, als Felix Pieper wie jeden Morgen den „Gesundheitszustand“ der Trauben kontrolliert. Der 38-jährige Winzer ist zufrieden. „Alles in Ordnung.“ Die starke Nässe der vergangenen Wochen und Monate hat den Reben, von denen die meisten schon mehr als 40 Jahre alt sind, nicht geschadet. Zum Glück. 

„Wichtig ist, dass die Trauben schnell abtrocknen“,

erklärt der Juniorchef des Weinguts Piepers in Königswinter bei Bonn. „Sonst bilden sich Pilze.“

Das erklärt auch die besondere Lage der insgesamt 9,2 Hektar großen, mit Riesling, Grauburgunder, Sauvignon Blanc und vielen weiteren Sorten „bestockten“ Hänge, auf denen Felix‘ Großvater in den 1960er Jahren – „wohl aus Liebe zur Oma“ - mit dem Weinbau begonnen hat. „Bis zu 70 Prozent Steigung …“ Mehr muss der Mann in kurzen Treckingshorts und dicken Wanderschuhen gar nicht sagen. Wer hier nicht sportlich fit ist, bei dem sind Rücken- oder Knieprobleme wohl vorprogrammiert. Pieper pflückt ein paar Blätter von den Reben und kraxelt weiter steil bergab, als sei es für ihn die leichteste Übung. Trotzdem spürt auch er abends in den Knochen, „was du tagsüber getan hast“. Erst recht, wenn die Weinlese beginnt. Felix Pieper rechnet damit, im Oktober den ersten Riesling ernten und verarbeiten zu können. Ob es ein guter Jahrgang wird? Noch wagt der studierte Diplom-Weinbauingenieur keine Prognose, lässt uns die Trauben aber schon einmal probieren. Das Urteil fällt eindeutig aus: Ziemlich sauer.
 

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    Felix Pieper im Weinberg, © Ralph Sondermann
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    Blümchen am Weinberg, © Ralph Sondermann
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    Rote Weintrauben , © Ralph Sondermann
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    Blick auf die Weinreben , © Ralph Sondermann

Gu­ter Wein braucht sei­ne Zeit

Es wird also wohl noch ein wenig dauern, bis alle Fässer im Weinkeller etwas abseits des elterlichen Anwesens „Haus Drachenloch“ wieder gefüllt sind. Die größten Edelstahlfässer in dem engen, dicht gestellten Schuppen direkt am Felsen fassen bis zum 2.000 Liter, die kleineren Holzfässer immerhin 300 bis 1.000 Liter. Doch schon jetzt könnte allein der Geruch von vergorenen Trauben, der sich in dem Keller breitmacht, einem beinahe die Sinne vernebeln. Den Profi ficht das natürlich nicht an. Während er im Frühjahr und Sommer die meiste Zeit in der freien Natur verbringt, spielt sich das Leben im Herbst und Winter meist hinter verschlossenen Türen ab. „Guter Wein braucht seine Zeit“, sagt der Winzer aus dem Siebengebirge und nimmt eine Probe aus dem Holzfass. Ein kritischer Blick. „Wenn es dauert, dann dauert es eben und der Kunde muss warten.“ Schließlich ist den Winzern aus Königswinter Qualität wichtiger als Quantität.

Weshalb die Familie auch schon seit Jahren auf den Einsatz von Pestiziden oder Herbiziden beim Anbau verzichtet. Stattdessen darf sich die Natur zwischen den Weinstöcken austoben und wild wuchern. Janos, den sie wegen seiner rötlichen Färbung alle Möhrchen nennen, gefällt’s. Zurück im steilen Weinberg, macht er Jagd auf Mäuse. Während sein Herrchen erzählt, wie er selbst in den Beruf des Winzers hereingewachsen ist. Wohl wissend, wie anstrengend es sein kann, jeden Tag, bei Wind und Wetter die steilen Hügel rauf und runter zu müssen. „Nach dem Abitur“, erinnert sich der 38-Jährige, „habe ich kurz überlegt, Architektur zu studieren.“ Den Gedanken hat er jedoch schnell verworfen. Stattdessen hat er im Rheingau alles über Bodenbeschaffenheit, Gärungsprozesse und landwirtschaftliche Technologien gelernt und sich anschließend für einige Zeit nach Neuseeland „abgesetzt“.  Allerdings nur, um schon bald nach Königswinter zurückzukehren und das elterliche Weingut weiterzuführen. „Ich liebe das Siebengebirge“, sagt er dann und es geht ein Strahlen über sein freundliches Gesicht. „Erst recht, seit wir Janos haben.“ Seitdem kennt der durchtrainierte Weinbauer fast sämtliche Wanderwege in der Region und ist jedes Mal aufs Neue begeistert, „wie schön meine Heimat ist“.

 

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    Weinfässer im Weinkeller , © Ralph Sondermann
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    Weinprobe Weingut Pieper, © Ralph Sondermann
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    Entnahme Weinprobe im Weinkeller, © Ralph Sondermann
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    Felix Pieper verkostet den Wein , © Ralph Sondermann
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Felix Pieper blickt auf seinen Weinberg , © Ralph Sondermann

Fast ein bisschen rastlos ist das eingespielte Gespann.  Erst später wird der Hund sich auf der Terrasse ein wenig in der Sonne ausruhen. Während Felix Pieper „noch den Rest“ erledigen muss. Immer wieder klingelt das Smartphone. Es werden Termine gemacht, Lieferungen vereinbart und Veranstaltungen geplant. Schließlich ist der Mann, an dessen dickem Schlüsselbund auch ein Anhänger mit der Aufschrift Riesling baumelt, nicht nur Winzer, sondern auch Geschäftsmann. Wenngleich ein bescheidener. Zwar produziert er im Jahr 110.000 bis 120.000 Flaschen zumeist Weißwein. Vermarktet werden sie jedoch ausschließlich in der Region. Und in der eigenen Vinothek, die momentan nach Voranmeldung geöffnet hat. 

 

Piepers Großeltern hatten das blassgelbe Gebäude im toskanischen Stil vor 20 Jahren gebaut und damals auch ein Restaurant eröffnet. Enkel Felix führt es nicht weiter, „weil es mich zu sehr von meinem Kerngeschäft abhält“. Der Winzerei. „Auch bin ich kein Gastronom,“ gibt er offen zu. Gerade ist er deshalb dabei, den großen Saal zum zweiten Weinkeller umfunktionieren. Geblieben sind indes die fünf Pensionszimmer, in denen zumeist Wanderer oder Radfahrer am Wochenende übernachten. Frühstücks gibt’s allerdings beim Nachbarn. Denn die Gemeinschaft in der Region ist gut. Die insgesamt vier Winzer am Fuße des Siebengebirges kennen und schätzen sich. Bleiben aber natürlich Konkurrenten, wenn es darum geht, den besten Wein auf den Markt zu bringen. Welcher das in diesem Jahr sein? Mal sehen. Felix Pieper ist unverbesserlicher Optimist und verlässt sich beim Weinanbau meist auf die ihm eigene „Mischung aus Wissen und Bauchgefühl“. Er selbst trinkt übrigens am liebsten einen guten Riesling. „Bei dem macht uns Deutschen niemand was vor.“ Beim Bier allerdings winkt der dankend ab und schüttelt sich ein wenig. „Das ist überhaupt nicht meins.“

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    Blick vom Weinberg auf den Rhein, © Ralph Sondermann
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    Felix Pieper im Weinkeller , © Ralph Sondermann
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    Rote Weinreben , © Ralph Sondermann
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    Kontrolle der Trauben am Hang mit Hund Janos, © Ralph Sondermann
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Felix Pieper, © Ralph Sondermann

Drei Fra­gen an Fe­lix Pie­per

Zu Hau­se ist es doch am schöns­ten oder in Köln

Sie haben 48 Stunden freie Zeit. Was würden Sie mit dieser Zeit auf jeden Fall in NRW machen?
Felix Pieper: Wahrscheinlich würde ich gar nichts anderes machen als sonst, nämlich eine Wanderung durch das Siebengebirge. Das ist für mich die pure Entschleunigung. Ich könnte mir aber auch eine ausgedehnte Radtour vorstellen. Zum Beispiel bis nach Köln, wo ich dann mal wieder auf den Dom laufen würde. Das habe ich schon ewig nicht mehr gemacht.

Welchen Ort in NRW haben Sie zuletzt für sich entdeckt?
Felix Pieper (lacht): Ich bin schon so lange nicht mehr aus Königswinter rausgekommen … Aber wenn ich genau überlege, ist es der Grüngürtel rund um die Stadt Köln. Hier habe ich zuletzt eine große Runde durch die Rheinauwiesen gedreht. Vom Heumarkt bis nach Köln-Mülheim. Ich wusste vorher gar nicht, wie schön es dort ist.

Ihr persönlicher Lieblingsplatz in NRW?
Felix Pieper: Das ist leicht zu beantworten. Das Plateau auf dem Drachenfels. Hier bin ich bestimmt zwei- bis dreimal in der Woche. Am liebsten am frühen Morgen oder gegen Abend, wenn nur wenig Menschen hier oben sind. Dann genieße ich die tolle Aussicht. Mein absoluter Lieblingsplatz!

Martje Saljé Türmerin, © Ralph Sondermann, Tourismus NRW e.V.