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New Fall Festival Tonhalle, © Andreas Schiko

Die Re­por­ta­ge zum Sound of Düs­sel­dorf


Die gan­ze Düs­sel­dor­fer Pop-His­to­rie von da­mals bis heu­te

Als Pop­me­tro­po­le ist Düs­sel­dorf ein Phä­no­men: Ei­gent­lich ist die Haupt­stadt des größ­ten deut­schen Bun­des­lan­des viel zu klein, um in­ter­na­tio­na­le Be­ach­tung zu fin­den. Doch im­mer wie­der wird sie Ge­burts­ort un­ge­wöhn­li­cher Sze­nen, Bands und mu­si­ka­li­scher Trends. Kraft­werk ist die pro­to­ty­pi­sche deut­sche Pop­band, die wich­ti­ge Im­pul­se bei der Ent­ste­hung von New Wa­ve, Hip-Hop und Tech­no ge­ge­ben hat. NEU! ist die in Deutsch­land lan­ge Zeit über­se­he­ne Lieb­lings­band in­ter­na­tio­na­ler Stars wie Blur, Ra­dio­head oder Ste­reolab. Die Punk­sze­ne der spä­ten Sieb­zi­ger war we­ni­ger ver­bis­sen als ihr Pen­dant in Ham­burg und Ber­lin. Des­halb trau­ten sich Künst­ler auch, ge­wag­te­re sti­lis­ti­sche Mi­schun­gen ein­zu­ge­hen. Der Plan, Fehl­far­ben, DAF oder Liai­sons Dan­ge­reu­ses fan­den mit ih­rer avant­gar­dis­ti­schen New Wa­ve Fans weit jen­seits der deut­schen Gren­zen. Die Krupps er­fan­den den In­dus­tri­al mit. Die aus die­sem Hu­mus her­vor­ge­gan­ge­nen Pro­pa­gan­da wur­den zu Hit­schrei­bern der elek­tro­ni­schen Wel­le im Pop der acht­zi­ger Jah­re.

Für vie­le Mu­sik­fans en­det die Ära von Düs­sel­dorf als Pop­me­tro­po­le Mit­te der acht­zi­ger Jah­re, als sich vie­le Mit­glie­der der Sze­ne zu bür­ger­li­chen Be­ru­fen und Le­bens­for­men ent­schie­den oder die Stadt ver­lie­ßen. Doch die fas­zi­nie­ren­de Pop­ge­schich­te und fort­be­ste­hen­de künst­le­ri­sche Struk­tu­ren brach­ten im­mer wie­der neue krea­ti­ve Köp­fe zu­sam­men. Vor al­lem die Kunst­aka­de­mie zieht seit je­her ex­pe­ri­men­tier­wil­li­ge Mu­si­ker an. Kreid­ler-Mit­glied Det­lef Wein­rich er­öff­ne­te den Club Sa­lon des Ama­teurs, der zum zen­tra­len Treff­punkt ei­ner jun­gen Elek­tro­nik­sze­ne ge­wor­den ist, die zwi­schen (Krau­t­rock-)Tra­di­ti­on und Mo­der­ne ver­mit­telt. Düs­sel­dorf ist nicht mehr der mu­si­ka­li­sche Na­bel der Welt, aber al­le zehn Jah­re ent­steht hier Gro­ßes: Hausch­ka er­schließt Mit­te der 2000er Jah­re das Kon­zept des prä­pa­rier­ten Pia­nos für die Pop­sze­ne, Grand­bro­thers ver­fei­nern es ein Jahr­zehnt spä­ter. Und auch Hip-Hop und Punk sind mit der An­ti­lo­pen Gang und den Broi­lers wei­ter­hin ein­falls­reich.

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Kraftwerk Konzert 2014, Washington, © CC BY 2.0 Janine and Jim Eden (Flickr)

Höchs­te Zeit al­so, sich auf den Weg zu ma­chen. Wir sind mit dem Re­gio­nal­zug ge­kom­men. Auf der Fahrt nach Düs­sel­dorf lau­fen die 25 Songs durch un­se­re Kopf­hö­rer, die wir für je­de Stadt aus­ge­sucht ha­ben, um ih­ren re­prä­sen­ta­ti­ven Sound zu fin­den. Zu Be­ginn Die­ter Sü­ver­krüp, Deutsch­lands wort­mäch­tigs­ter und poe­tischs­ter Lie­der­ma­cher. Be­ein­dru­ckend, im­mer wie­der, wie er die Gren­zen zwi­schen Ernst­haf­tig­keit und Par­odie, ein­fa­chem und dop­pel­tem Bo­den ver­flie­ßen las­sen konn­te. Dann fol­gen NEU! und Kraft­werks „Au­to­bahn“. 22 Mi­nu­ten Pop­ge­schich­te, die un­trenn­bar mit Düs­sel­dorf ver­bun­den sind. Sie klin­gen nach deut­scher Schnell­stra­ße und in­ter­na­tio­na­ler Wei­te, nach Krau­t­rock und Elek­tro­nik, nach Kraft­werks Ma­schi­nen­käl­te und Con­ny Planks Wär­me. In sei­nen bes­ten Mo­men­ten ist der „Sound of Düs­sel­dorf“ ei­ne Mu­sik der Ge­gen­sät­ze.

Ti­mon-Karl Ka­lay­ta, Tex­ter und Sän­ger der Elek­tro­pop­band Su­san­ne Blech, führt uns we­nig spä­ter durch die Düs­sel­dor­fer Alt­stadt. Auf dem Weg mul­ti­na­tio­na­le Mo­de­ket­ten und rhei­ni­sche Alt­bier-Ka­schem­men, bet­teln­de Punks und Kö­nigs­al­lee-Schi­cki­mi­cki. Ge­gen­sätz­li­che Po­le über­all. An­ge­kom­men in ei­nem Ca­fé mit Rhein­blick dau­ert es nicht lan­ge, bis wir auf die be­kann­tes­te Band der Stadt zu spre­chen kom­men. Ka­lay­ta, der es mit dem Song „1000 Jah­re Kraft­werk“ („Die Sa­che mit Kraft­werk, mach aus oder lei­ser. Al­le se­hen‘s, nie­mand sagt es: kei­ne Klei­der der Kai­ser!“) ge­wagt hat, den Iko­nen ans Bein zu pin­keln und da­für ei­nen ve­ri­ta­blen Shits­torm ern­te­te, kann sich wun­der­bar auf­re­gen: „Hier gibt es ei­ne so ab­göt­ti­sche Hel­den­ver­eh­rung“, schimpft er. „Es ist ja al­les gut und rich­tig und Pio­nie­re und so wei­ter, weiß ich al­les, aber wenn sich al­le ei­nig sind bei ir­gend­was, dann muss man doch aus Prin­zip was da­ge­gen sa­gen, auch wenn es falsch ist. Im Fal­le von Kraft­werk lässt sich sa­gen, dass der Dis­kurs an sein kom­for­ta­bles En­de ge­kom­men ist. Nie­mand mit Ver­stand wür­de noch et­was Un­eh­ren­haf­tes über die Elek­tro­pop-Avant­gar­de aus Düs­sel­dorf sa­gen, oh­ne sich lä­cher­lich zu ma­chen. Die pop­kul­tu­rel­len Re­fe­ren­zen sind ein­deu­tig, der Fall ist ge­löst, die Ak­te ge­schlos­sen – Kraft­werk? Klar, ge­ni­al! So läuft das.“

In der Tat ist es kaum mög­lich, sich der Mu­sik­stadt Düs­sel­dorf un­vor­ein­ge­nom­men zu nä­hern. Zu zahl­reich sind die in­ter­na­tio­na­len Su­per­stars, von Da­vid Bo­wie über die Sim­ple Minds bis zu De­pe­che Mo­de oder den Che­mi­cal Bro­thers, die sich auf Düs­sel­dorf und Kraft­werk be­ru­fen. Mitt­ler­wei­le lässt sich pro­blem­los ei­ne klei­ne Bi­blio­thek mit Pu­bli­ka­tio­nen be­stü­cken, und fin­den in schnel­ler Fol­ge über­all auf der Welt Ta­gun­gen und Sym­po­si­en statt. Die Elec­tri_Ci­ty, so der Ti­tel ei­ner 2014 er­schie­ne­nen Oral-His­to­ry über das „Mek­ka der elek­tro­ni­schen Mu­sik“ (Um­schlag­text) ist in ih­rer pop­ge­schicht­li­chen Be­deu­tung nicht zu über­schät­zen. Und den­noch er­hielt sie ih­re ers­ten wich­ti­gen Im­pul­se durch ei­nen Mann, der bei Kai­sers­lau­tern ge­bo­ren wur­de, durch die ame­ri­ka­ni­sche Be­sat­zung ge­prägt war, in Köln und Ham­burg ar­bei­te­te und sich Zeit sei­nes Le­bens fern hielt von der Schi­cki­mi­cki-Stadt Düs­sel­dorf.

Con­ny Plank war „der viel­leicht wich­tigs­te Schöp­fer von Klang und Stim­mung je­ner Jah­re, ei­ner der freund­lichs­ten Men­schen der Welt und mit Si­cher­heit der größ­te För­de­rer von Ge­nies und Chao­ten, er ist die Na­be, um die sich das Rad Düs­sel­dorf dreht“, schrieb Mi­cha­el Reinsch vor ei­ni­ger Zeit in der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Sonn­tags­zei­tung. Plank nimmt 1970, zu­sam­men mit Ralf Hüt­ter und Flo­ri­an Schnei­der, das ers­te Kraft­werk-Al­bum To­ne Float auf, noch un­ter dem Band­na­men Or­ga­ni­sa­ti­on, und er­klärt den bei­den das von El­tern fi­nan­zier­te Equip­ment. Er ge­stal­tet, zu­nächst in ge­mie­te­ten oder pro­vi­so­ri­schen Stu­di­os, dann in sei­nem ei­ge­nen Pro­duk­ti­ons­reich in Wol­perath, den Klang der fol­gen­den vier Al­ben und er­tüf­telt in näch­te­lan­ger Ar­beit das Sound­bild in Kraft­werks ers­tem gro­ßen Hit „Au­to­bahn“. Auch gibt Plank ab 1970 mit sei­nem Mu­sik­ver­lag Kraut dem Gen­re ei­nen Na­men. Mit ihm neh­men die größ­ten Krau­trock­bands der Zeit, von Klus­ter und Ash Ra Tem­pel über Gu­ru Gu­ru und Grob­schnitt bis NEU! und La Düs­sel­dorf, ih­re Haupt­wer­ke auf.

Con­ny Plank - The po­ten­ti­al of noi­se (Trai­ler)


© Kon­tor New Me­dia VOD

Wir ver­ab­re­den uns mit Mi­cha­el Ro­ther, um mehr über die Zeit An­fang der 1970er Jah­re zu er­fah­ren, in der Düs­sel­dorf zum ers­ten Mal ei­ne be­deu­ten­de Mu­sik­stadt wird. Der Gi­tar­rist und Kom­po­nist ist ei­ne der span­nends­ten Per­sön­lich­kei­ten der Düs­sel­dor­fer Mu­sik­sze­ne. Als Mit­glied der Kraft­werk-Tri­o­be­set­zung 1971 und vor al­lem, zu­sam­men mit Schlag­zeu­ger Klaus Din­ger, als Grün­der von NEU! hat er den frü­hen Düs­sel­dor­fer Sound ge­prägt wie kaum ein an­de­rer. Ent­schei­den­de Ein­flüs­se, so er­zählt uns Ro­ther im Ge­spräch, er­hält er früh durch ei­nen drei­jäh­ri­gen Auf­ent­halt ab 1960 in Pa­kis­tan. Dort lernt er die Mu­sik des in­di­schen Sub­kon­ti­nents ken­nen. „Das war ein­fach ein ganz prä­gen­des Er­leb­nis, die­se Mu­sik zu hö­ren, nicht in­tel­lek­tu­ell zu ver­ar­bei­ten, son­dern rein emo­tio­nal auf mich ein­wir­ken zu las­sen“, er­zählt er. „Die­se ara­bi­sche, in­di­sche Mu­sik mit ih­rer Me­lo­dik, Rhyth­mik, dem end­lo­sen Vor­wärts­tra­gen von Rhyth­men und Me­lo­di­en, die ich mit mei­nem mit­tel­eu­ro­pä­isch ge­präg­ten Ohr na­tür­lich über­haupt nicht ver­stand, aber die ei­ne un­glaub­li­che An­zie­hungs­kraft aus­üb­te.“ Wie­der­ho­lung und Un­end­lich­keit wer­den zu wich­ti­gen Be­grif­fen für ihn. Als er 1963 nach Düs­sel­dorf kommt, in die bri­ti­sche Be­sat­zungs­zo­ne, lässt er sich aber zu­nächst von der Beat­wel­le mit­rei­ßen. „Das, was die Beat­les, Sto­nes, Kinks, sol­che Bands mach­ten, das war so frisch, so neu, so be­flü­gelnd“, er­zählt er. „Ich glau­be, je­der zwei­te in mei­ner Klas­se hat­te dann die Am­bi­ti­on, Mu­sik zu ma­chen und in ei­ner Band mit­zu­spie­len.“ Ro­ther wird Lead-Gi­tar­rist der Schü­ler­band Spi­rits of Sound, in der En­de der 1960er Jah­re auch der spä­te­re Kraft­werk-Schlag­zeu­ger Wolf­gang Flür und der Sän­ger Wolf­gang Riech­mann spie­len. Eric Clap­ton, Jeff Beck und vor al­lem Ji­mi Hen­d­rix be­ein­dru­cken Ro­ther. In ei­ner At­mo­sphä­re des äs­the­ti­schen und po­li­ti­schen Auf­bruchs von Beuys über Uecker, Mom­martz und Kri­wet bis Brandt wird ab En­de der 1960er Jah­re sein Be­dürf­nis nach künst­le­ri­scher Ei­gen­stän­dig­keit und Ab­gren­zung im­mer stär­ker: „Mei­ne Mu­sik soll­te nicht nur nicht so klin­gen wie die Bands in Eng­land oder Ame­ri­ka, son­dern sie soll­te auch an­ders klin­gen als al­les, was es in Düs­sel­dorf, Mün­chen oder sonst wo gab.“

Mi­cha­el Ro­ther - Flam­men­de Her­zen


© Lisf70

Das Jahr 1971: In die­sem Jahr kommt es zu ei­nem fol­gen­rei­chen Zu­sam­men­tref­fen. Ein an­de­rer Gi­tar­rist er­zählt Ro­ther auf ei­ner De­mo von ei­ner Band na­mens Kraft­werk und lädt ihn gleich ein, nach der De­mo mit ins Stu­dio zu Auf­nah­men zu kom­men. „Ich kann­te nichts, ich kann­te auch Kraft­werk nicht, ich war nicht ver­netzt, ich war nicht Teil ei­ner Sze­ne, über­haupt nicht.“, er­in­nert sich Ro­ther und klingt im­mer noch er­staunt. In Kraft­werks Stu­dio in der Min­trop­st­ra­ße trifft Ro­ther auf die Grün­der Ralf Hüt­ter und Flo­ri­an Schei­der und die Schlag­zeu­ger Char­ly Weiss und Klaus Din­ger. „Ich hab mir ei­nen Bass ge­grif­fen und mit Ralf ge­spielt. Und das war das ers­te Mal, dass ich mit je­man­dem Mu­sik mach­te, Tö­ne aus­tausch­te, Me­lo­di­en hin und her spie­len konn­te, die nichts mit Blues zu tun hat­ten. Das war ei­ne völ­lig neue Er­fah­rung für mich.“ Oh­ne den kurz­zei­tig aus­ge­stie­ge­nen Ralf Hüt­ter spie­len Schnei­der, Ro­ther und Din­ger als Trio zahl­rei­che Kon­zer­te, ei­nen heu­te hoch ge­schätz­ten Fern­seh­auf­tritt für die Sen­dung „Beat Club“ und schei­tern an­schlie­ßend bei Con­ny Plank an dem Ver­such, den Nach­fol­ger für Kraft­werks De­büt­al­bum auf­zu­neh­men.

Die Ker­ne spal­ten sich: Mi­cha­el Ro­ther und Klaus Din­ger stei­gen aus und grün­den NEU! Ralf Hüt­ter und Flo­ri­an Schnei­der fin­den wie­der zu­sam­men und trei­ben ih­re im­pro­vi­sier­ten Krau­trock­an­fän­ge in Rich­tung durch­struk­tu­rier­ter elek­tro­ni­scher Pop­mu­sik. Das vier­te Kraft­werk-Al­bum Au­to­bahn er­reicht 1974 in­ter­na­tio­nal ho­he Chart­po­si­tio­nen und wird zur Blau­pau­se für die Äs­the­tik und den Sound der Band. Kraft­werk wer­den zu In­spi­ra­to­ren für Elek­tro­ni­ker aus der gan­zen Welt, prä­gen Hip-Hop-Pio­nie­re und sto­ßen Tech­no an. Mit Die Mensch-Ma­schi­ne und Com­pu­ter­welt er­schaf­fen sie zeit­lo­se Meis­ter­wer­ke des Elek­tro­pop.

Kraft­werk - Rück­stoß Gon­do­lie­re


© Wer­ner Paul

Es braucht kei­ne Er­klä­rung, war­um sich Ro­ther und Din­ger von Kraft­werk tren­nen muss­ten, wenn man „Hal­lo­gal­lo“, den ers­ten Track von NEU!s selbst­be­ti­tel­tem De­büt­al­bum aus dem Jahr 1972 hört. Zehn hyp­no­ti­sie­ren­de Mi­nu­ten, die ein hand­ge­mach­ter, rau­er Ge­gen­ent­wurf zu Kraft­werk sind. „Mo­to­rik“ ha­ben hilf­lo­se Jour­na­lis­ten die­sen Sound ge­nannt und ihn da­mit auf den mo­no­to­nen Beat re­du­ziert. Man kann hö­ren, wie das un­ge­stü­me Tem­pe­ra­ment des Au­to­di­dak­ten Klaus Din­ger scharf auf den aus­ge­gli­che­nen Cha­rak­ter Ro­thers und sei­ne fi­li­gra­ne Gi­tar­ren­ar­beit trifft, zu­sam­men­ge­hal­ten und zu­sam­men­ge­führt durch Planks Pro­duk­ti­on. NEU! er­scheint wie sei­ne Nach­fol­ger NEU!2 und NEU!75 auf dem La­bel Brain, dem zen­tra­len Dis­tri­bu­tor des Krau­t­rock. Kom­mer­zi­ell er­folg­reich sind die Al­ben al­le nicht, „NEU!2“ löst so­gar Kon­tro­ver­sen aus, weil Ro­ther und Din­ger die zwei­te Sei­te mit Neu­fas­sun­gen schon er­schie­ne­ner Stü­cke fül­len (man­che sa­gen: und da­mit den Re­mix er­fin­den). „Die Re­ak­tio­nen auf das zwei­te Al­bum und die zwei­te Sei­te wa­ren de­sas­trös. Die Leu­te ha­ben das nicht als künst­le­risch le­gi­ti­mes Mit­tel emp­fun­den, son­dern als ei­ne Frech­heit, ei­ne Pu­bli­kums­ver­höh­nung“, be­rich­tet Ro­ther. Ins­be­son­de­re das drit­te Al­bum der Band kann den­noch in sei­ner Wir­kung kaum über­schätzt wer­den. NEU!75 übt gro­ßen Ein­fluss auf den eng­li­schen Punk aus. Aber auch Da­vid Bo­wie, von Bri­an Eno auf die Düs­sel­dor­fer Mu­sik auf­merk­sam ge­macht, wird un­ter an­de­rem durch NEU!s Dritt­ling mo­ti­viert, in Ber­lin sei­ne Ber­lin-Tri­lo­gie zu be­gin­nen. Bo­wie lädt Ro­ther ein, am Al­bum He­roes mit­zu­wir­ken, nicht ge­klär­te Um­stän­de, viel­leicht ein Miss­ver­ständ­nis auf Sei­ten von Bo­wies Ma­nage­ment, ver­hin­dern ih­re Zu­sam­men­ar­beit.

Klaus Din­ger und Mi­cha­el Ro­ther selbst fah­ren erst En­de der 1970er Jah­re die Ern­te ein: Din­ger fei­ert mit sei­ner Band La Düs­sel­dorf Er­fol­ge, Ro­ther ge­lingt, nach­dem er Mit­te der 1970er Jah­re Hans-Joa­chim Ro­ede­li­us und Die­ter Mo­ebi­us von Clus­ter ken­nen­lernt und mit ih­nen par­al­lel zu NEU! in ei­nem ei­ge­nen Stu­dio im We­ser­berg­land die Su­per­group Har­mo­nia ge­bil­det hat, als So­lo­künst­ler mit dem Al­bum Flam­men­de Her­zen 1977 der kom­mer­zi­el­le Durch­bruch.

Zu die­sem Zeit­punkt hat auch Ma­ri­us Mül­ler-Wes­tern­ha­gen schon ei­ni­ge Jah­re des Tin­gelns hin­ter sich. Doch noch ist un­klar, ob der Sohn des früh ver­stor­be­nen En­sem­ble­mit­glieds des Düs­sel­dor­fer Schau­spiel­hau­ses, Hans Mül­ler-Wes­tern­ha­gen, eher als Schau­spie­ler oder als Sän­ger re­üs­sie­ren wird. Das Ta­lent zu bei­dem hat Wes­tern­ha­gen (*1948) je­den­falls. Doch die rich­ti­ge For­mel, die er spä­ter als Schau­spie­ler in dem Film „Theo ge­gen den Rest der Welt“ (1980) oder als Rock­mu­si­ker auf „Mit Pfef­fer­minz bin ich dein Prinz“ (1978) fin­det, sucht er noch. Als wir Wes­tern­ha­gen in Ber­lin tref­fen, be­rei­tet er ge­ra­de sei­ne Un­plug­ged-Tour­nee vor. Für das gleich­na­mi­ge Li­ve-Al­bum hat der Re­gis­seur Fa­tih Akin ein Kon­zert­vi­deo ge­dreht. In un­se­rem Ge­spräch taucht er tief in die Ver­gan­gen­heit ein. „Der ent­schei­den­de Punkt, der mich mit 14 zum Sin­gen ge­bracht hat, als ich noch nicht ein­mal im Stimm­bruch war, war der Blues“, er­zählt er. „Durch die Sto­nes ver­mit­telt, hat­te ich R’n‘B-Mu­sik ge­hört. So woll­te ich mich aus­drü­cken. Dann kam die Soul-Ära mit Otis Red­ding und Ja­mes Brown. Dann kam Ji­mi Hen­d­rix, der ei­ne neue Di­men­si­on brach­te. Das al­les hat­te es zu­vor nicht ge­ge­ben."

Durch die­ses In­ter­es­se ge­rät Wes­tern­ha­gen Mit­te der sech­zi­ger Jah­re in die­sel­be Sze­ne wie Mi­cha­el Ro­ther. Sie spie­len auch bis­wei­len in der­sel­ben For­ma­ti­on. „Er war in ei­ner Band, die eher so lieb­li­chen Rock ge­macht hat. Wir ha­ben schon eher so et­was wie Punk ge­macht. Auch mit Kraft­werk-Grün­der Flo­ri­an Schnei­der ha­be ich Mu­sik ge­macht. Da­mals hat­ten wir Ses­si­ons mit­ein­an­der. Ei­ner kam vor­bei und frag­te, kann ich ein­stei­gen“, er­in­nert sich Wes­tern­ha­gen. Vie­le von de­nen, die Düs­sel­dorf spä­ter als Pop­stadt be­kannt ma­chen, sind eben­falls zu­ge­gen: Karl Bar­tos, der spä­te­re Kraft­werk-Schlag­zeu­ger, Bo­do Stai­ger, der mit Rhein­gold ei­ni­ge der frü­hen Hits der Neu­en Deut­schen Wel­le ha­ben wird. Und Con­ny Plank. „Con­ny Plank war noch As­sis­tent in ei­nem Stu­dio bei Köln. Da­für hat­te er den Schlüs­sel. Wir sind dann nachts voll­ge­kifft rein und ha­ben im­pro­vi­siert. Die Stü­cke wa­ren grund­sätz­lich 20 Mi­nu­ten lang. Con­ny sag­te im­mer: ‚The Tape is rol­ling‘“, sagt Wes­tern­ha­gen. Doch schon hier zei­gen sich kon­zep­tio­nel­le Un­ter­schie­de. Wäh­rend Ro­ther, Schnei­der, Hüt­ter und Din­ger im­mer die For­men spren­gen und et­was ganz Neu­es er­fin­den wol­len, hängt Wes­tern­ha­gen an der Tra­di­ti­on. „Mei­ne Mu­sik war von frü­hes­ter Ju­gend an die ame­ri­ka­ni­sche. Des­halb ha­be ich da nicht so ei­nen Zu­gang be­kom­men“, sagt er.

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Illustration von Marius Müller-Westernhagen, © Marius Müller-Westernhagen - Illustration von Saskia Wragge

Im Jahr 1978 er­scheint Pfef­fer­minz, das den gro­ßen Düs­sel­dorf-Song „Mit 18“ ent­hält, in dem er über sei­ne frü­hen Er­fah­run­gen als Rock’n’Roll-Sän­ger singt. Und es wird klar, dass Wes­tern­ha­gen das Zeug zum Rock­star hat. Mit „Theo“ wird klar, dass er auch zum Schau­spiel­star taugt. Wes­tern­ha­gen singt Gas­sen­hau­er wie „Se­xy“, „Weil ich dich lie­be“ und „Wil­len­los“ und schreibt mit „Frei­heit“ un­ver­hofft ei­ne der Hym­nen der deut­schen Ein­heit. Sei­ner Hei­mat­stadt Düs­sel­dorf ent­wächst er zu­neh­mend, bleibt aber sei­ner frü­hen Blue­s­prä­gung bis heu­te ver­bun­den.

Schon am An­fang sei­ner Kar­rie­re muss sich Wes­tern­ha­gen ei­ner der zen­tra­len Fra­gen für deut­sche Pop­mu­si­ker stel­len: Wol­len sie in­ter­na­tio­nal wahr­ge­nom­men zu wer­den, sind die Chan­cen un­gleich grö­ßer, wenn sie auf die elek­tro­ni­sche Schie­ne set­zen, die ei­ge­ne Per­sön­lich­keit zu­rück­schrau­ben, viel­leicht auch auf die deut­sche Spra­che ver­zich­ten. Der do­mi­nan­ten Düs­sel­dor­fer Tra­di­ti­ons­li­nie von Kraft­werk über NEU! zu Pro­pa­gan­da, Kreid­ler und Hausch­ka ist das ge­lun­gen. Doch der Cha­ris­ma­ti­ker Wes­tern­ha­gen ist ei­ne Ram­pen­sau, ge­bo­ren für die Büh­ne, je­mand für die gro­ße Ges­te, ei­ner der größ­ten Pop­stars des Lan­des, der Sta­di­en ge­füllt hat, den aber schon in Ös­ter­reich kaum ei­ner kennt. „Ich woll­te nie in­ter­na­tio­nal wer­den, ob­wohl man mich oft zu über­re­den ver­sucht hat. Ich fin­de, ich bin in ei­ner un­heim­lich gu­ten Po­si­ti­on. Ich war und bin er­folg­reich in ei­nem gro­ßen Markt, der aber doch noch über­schau­bar ist. Wenn ich aus die­sem Land her­aus­rei­se, kennt mich kein Mensch“, sagt er. Doch zu­min­dest aus­pro­biert hat er den Ge­gen­ent­wurf: „Ich hat­te auch ei­ne Pha­se, in der ich ver­sucht ha­be, mit Ma­schi­nen zu ar­bei­ten. Das war in­ter­es­sant, und ich ha­be ver­sucht, das zu ver­bin­den mit Kral­le Kra­win­kel, der im wei­tes­ten Sin­ne Blues­gi­tar­rist war. Ich fin­de aber, dass Men­schen, die ih­re See­le ein­brin­gen und in Dia­log ge­hen, ei­ne ganz an­de­re Span­nung er­zeu­gen. Wo­nach ich auch im­mer su­che, was dann manch­mal auf der Büh­ne pas­siert: dass Mu­sik fast et­was Spi­ri­tu­el­les be­kommt, dass du in ei­ne Zo­ne hin­ein­kommst, die du nicht mehr be­ein­flus­sen kannst, son­dern nur noch ge­sche­hen lässt. Ich glau­be nicht, dass du das mit Ma­schi­nen kannst“, sagt er.

Wes­tern­ha­gen - Frei­heit


© Mu­serk Rights Ma­nage­ment, UBEM, War­ner Chap­pell

Ganz an­ders als Wes­tern­ha­gen macht es die gut ein­ein­halb Jahr­zehn­te jün­ge­re Do­ro Pesch, die sich An­fang der acht­zi­ger Jah­re in der Hea­vy-Me­tal-Un­der­ground­sze­ne der Stadt ei­nen Na­men macht. Mit ih­rer Band War­lock ver­ar­bei­tet sie Ein­flüs­se der ers­ten Wel­le der bri­ti­schen Hea­vy-Me­tal-Bands wie Ju­das Priest und Iron Mai­den. Dar­aus ent­steht ein me­lo­di­scher, hoch­en­er­ge­ti­scher Power­rock mit reich­lich Pa­thos. Pesch und ih­re Mit­strei­ter über­zeu­gen das bel­gi­sche Mu­sik­la­bel Mau­so­le­um Re­cor­ds von sich. Mit eng­li­schen Tex­ten set­zen sie auf die ste­tig wach­sen­de glo­ba­le Me­tal­sze­ne und wer­den mit ih­ren Al­ben Burning The Wit­ches, Hell­bound, True As Steel schnell zu de­ren Kult­stars. Dass ei­ne Frau in ei­ner Hea­vy-Me­tal-Band singt, ist ein No­vum. Do­ro Pesch ist schließ­lich auch die ers­te Frau, die auf dem bri­ti­schen Fes­ti­val Mons­ters Of Rock auf­tritt. Dann aber kommt es zu Strei­tig­kei­ten über die Kon­zep­ti­on der Band. Das Plat­ten­la­bel mischt sich ins Re­per­toire ein. Ru­dy Graf ver­lässt die Band, die sich dann noch mal zum gro­ßen Schlag durch­ringt, der ihr 1987 mit dem Al­bum Tri­umph & Ag­o­ny ge­lingt. Die­sen in­ter­na­tio­na­len Er­folg nutzt Pesch, um ei­ne sehr er­folg­rei­che So­lo­kar­rie­re zu star­ten. An­ders als Wes­tern­ha­gen, der ein deut­scher Su­per­star aus Düs­sel­dorf oh­ne in­ter­na­tio­na­le Aus­strah­lung wird, ist Do­ro Pesch ein in­ter­na­tio­na­ler Su­per­star aus Düs­sel­dorf in ei­nem klei­nen, aber be­deu­ten­den Seg­ment der Rock­mu­sik.

War­lock - Hell­bound


© Ac­cept91

Spa­ziert man heu­te durch die Düs­sel­dor­fer In­nen­stadt, ist nicht mehr viel von der prä­gen­den Zeit der frü­hen sieb­zi­ger Jah­re zu ent­de­cken. An Kraft­werks Kling Klang Stu­dio in der Min­trop­st­ra­ße er­in­nert nur noch das ver­blass­te Schild der Elek­tro Mül­ler GmbH. Auch der wich­tigs­te Treff­punkt der Sze­ne ist nicht mehr das, was er war: Bis Mit­te der 1970er ist das Cream­cheese in der Alt­stadt das Stamm­lo­kal für die Mu­si­ker und Künst­ler der Stadt. Hier tref­fen Bild­hau­er auf Fil­me­ma­cher auf Mu­si­ker an ei­ner lan­gen The­ke mit Rück­wand aus Spie­geln, um­ringt von Ar­bei­ten der Düs­sel­dor­fer Kunst­sze­ne. Heu­te steht man vor ei­nem denk­mal­ge­schütz­ten Haus, in dem un­ter an­de­rem ei­ne Agen­tur für Kom­mu­ni­ka­ti­ons­de­sign und ei­ne Mo­del­agen­tur sit­zen. Zwei Stra­ßen­ecken wei­ter fin­det man sich vor ei­nem ge­wöhn­li­chen Rock­schup­pen na­mens Sto­ne wie­der, der als Abend­pro­gramm das Bes­te aus In­die­rock, Punk, 60s und 70s ver­spricht. Kaum zu glau­ben, dass hier, im ehe­ma­li­gen Ra­tin­ger Hof, En­de der 1970er Jah­re der deut­sche Punk und die Neue Deut­sche Wel­le mit­er­fun­den wur­den.

 „Ob­wohl der Ra­tin­ger Hof wirk­lich so ein klei­ner La­den war, wuss­te man, wenn man da auf­tritt, ein Kon­zert im Hof hat, dann hat man es ir­gend­wie ge­schafft. So ab­surd das jetzt klingt. Aber das ist ja auch oft so ge­kom­men.“, sagt Ga­bi Del­ga­do, Sän­ger und Tex­ter der Elek­tro­for­ma­ti­on DAF und heu­te als Elek­tro/Tech­no-So­lo­künst­ler un­ter­wegs. Wir er­wi­schen ihn für ein paar Mi­nu­ten vor ei­nem Kon­zert in Kre­feld. Del­ga­do ist im Ra­tin­ger Hof von An­fang an da­bei und er­lebt, wie der klei­ne Club mit grel­lem Ne­on­licht ab En­de der 1970er Jah­re zum Zen­trum der Düs­sel­dor­fer Mu­sik- und Kunst­sze­ne wird. Wie hier die Auf­trit­te der frü­hen Punk­bands Ma­le und Char­ly’s Girls an­de­re in­spi­rie­ren, selbst zu In­stru­men­ten zu grei­fen, wie hier Elek­tro­nik­pio­nie­re wie Liai­sons Dan­ge­reu­ses oder sei­ne Band DAF ih­re raue Äs­the­tik ent­wi­ckeln, wie Der Plan oder die Fehl­far­ben deutsch­spra­chi­ge Po­p­tex­te als Mi­schung aus Poe­sie, Da­da­is­mus und Dop­pel­bö­dig­keit neu er­fin­den, wie sich aus dem Um­feld des Ra­tin­ger Hofs mit Ata Tak ein gen­re­prä­gen­des In­de­pen­d­ent­la­bel bil­det und, wie spä­tes­tens als die Fehl­far­ben bei der Ma­jor­fir­ma EMI un­ter­schrei­ben und der Ska-Song „Ein Jahr (Es geht vor­an)“ zum Hit wird, die ein­set­zen­de Kom­mer­zia­li­sie­rung die Sze­ne zer­stört.

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DAF, © DAF - Illustraion von Saskia Wragge
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Der Ratinger Hof, © Markus Luigs

Ga­bi Del­ga­do (DAF) über den Ra­tin­ger Hof


Ra­tin­ger Hof


Am An­fang aber ist der Ra­tin­ger Hof ein Ort der Frei­heit. Dass der klei­ne Club zu ei­ner der Ge­burts­stät­ten des deut­schen Punk und New Wa­ve wer­den kann, ist aber nur zu er­klä­ren mit sei­ner Nä­he zur na­hen Kunst­aka­de­mie. Mar­kus Oeh­len, Jörg Im­men­dorff und vor al­lem der an­tiaka­de­misch ori­en­tier­te Jo­seph Beuys wer­den Stamm­gäs­te. Ihr Zu­sam­men­tref­fen mit den DIY-ge­präg­ten Pun­kern löst un­ge­heu­re Krea­ti­vi­tät aus. „Die Künst­ler ha­ben sich in­ter­es­siert für die Punks und die, die dach­ten: Was ist denn das? Das war die­se Wech­sel­wir­kung“, sagt Del­ga­do. „Und plötz­lich dach­ten dann 20, 30 Leu­te: Wir dür­fen ma­chen, was wir wol­len“. Für DAF, die ge­prägt sind durch die ex­pres­si­ve Per­for­mance und die kon­tro­ver­sen Tex­te Del­ga­dos und den Se­quen­zer-Sound von Ro­bert Görl, heißt das, den Punk club­taug­lich zu ma­chen. Da­mit wer­den sie zu ent­schei­den­den Weg­be­rei­tern für Gen­res wie Elec­tro­punk und EBM. Wir fra­gen Del­ga­do zum Ab­schluss, war­um DAF Düs­sel­dorf recht zü­gig ver­las­sen und nach Lon­don ge­hen. „In Deutsch­land gab es den Ra­tin­ger Hof, die Markt­hal­le [in Ham­burg] und das SO36 [in Ber­lin], wo man als Punk­band über­haupt spie­len konn­te. Es gab kein ein­zi­ges La­bel, das an sol­cher Mu­sik in­ter­es­siert war“, er­zählt er. „Und in Lon­don gab es tau­send Clubs! Und tau­send Punks! Und tau­send La­bels! Das war ‚the place to be‘.“

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Campino, © Paul Ripke

Cam­pi­no (Die To­ten Ho­sen) Über den Ra­tin­ger Hof


Düs­sel­dorf, Alt­stadt, 1975


In ei­nem Eis­ca­fé fern­ab der Alt­stadt tref­fen wir, um noch mehr zu er­fah­ren, Ralf Dör­per. Auch sein mu­si­ka­li­scher Wer­de­gang ist be­ein­dru­ckend: Er be­ginnt als lo­ses Mit­glied der Pro­to­punk­band S.Y.P.H. Sei­ne ex­pe­ri­men­tel­le So­lo­sin­gle „Era­ser­head/As­sault“ wird dann 1980 vom ein­fluss­rei­chen NME zur Sin­gle der Wo­che ge­kürt, als Mit­glied der Band Die Krupps und auf ih­ren Wer­ken Stahl­werks­in­fo­nie und Vol­le Kraft vor­aus ist er ein Pio­nier von Gen­res wie In­dus­tri­al und Synth-Pop. Dör­pers Nach­fol­ge­pro­jekt Pro­pa­gan­da wird Mit­te der 1980er Jah­re zu Deutsch­lands er­folg­reichs­tem Elek­tro­po­p­ex­port, nach des­sen En­de ge­lingt ihm 1989 mit dem Track „Dr. Acid & Mr. Hou­se“ ei­ner der al­ler­ers­ten eu­ro­pa­wei­ten Acid-Hou­se-Hits. Im glei­chen Jahr star­tet ei­ne zwei­te Pha­se der Krupps, de­ren Ver­bin­dung von In­dus­tri­al und har­ter Elek­tro­nik den Weg bahnt für Bands der „Neu­en Deut­schen Här­te“ wie Oomph oder Rammstein.

Wie für Mi­cha­el Ro­ther ist auch für Dör­per die bri­ti­sche Prä­gung Düs­sel­dorfs ent­schei­dend: „Das spiel­te wirk­lich ei­ne Rol­le, dass wir hier in Düs­sel­dorf zu den Eng­län­dern ge­hör­ten“, sagt er zu Be­ginn un­se­res Ge­sprächs. „Wir hat­ten hier BFBS und so­mit John Peel, auch vie­le Ka­ser­nen mit Eng­län­dern. Und weil hier vie­le Eng­län­der wa­ren, war Düs­sel­dorf die An­lauf­stel­le für Kon­zer­te von gro­ßen Künst­lern wie Da­vid Bo­wie, The Who, Ro­xy Mu­sic.“

Wir fra­gen ihn nach sei­nem Blick auf die Sze­ne des Ra­tin­ger Hofs und er­hal­ten ei­ne Ant­wort, die das Bild ei­ner har­mo­ni­schen sub­kul­tu­rel­len Sze­ne re­la­ti­viert. Dör­per be­tont, wie stark in der An­fangs­pha­se das Epi­go­nen­tum vor­herrsch­te: „Der Ra­tin­ger Hof als Ge­samt­sze­ne war schon wie so ein Kos­tüm­ball mit ei­nem Ti­me­lag ge­gen­über Lon­don. In Düs­sel­dorf fing ja der Punk an, als er in Eng­land schon vor­bei war“, sagt er und führt das Bei­spiel des heu­te le­gen­dä­ren 1. NRW Punk­fes­ti­vals im Düs­sel­dor­fer Carsch-Haus 1978 an: „Da wur­den nur Gi­tar­ren­bands ein­ge­la­den, die im Zwei­fels­fall auch wie­der al­le so klan­gen wie eng­li­sche Punk­bands.“ Wirk­lich in­no­va­tiv sind bei­spiels­wei­se DAF, Der Plan oder Die Krupps, die sich En­de der 1970er Jah­re am an­glo­ame­ri­ka­ni­schen Post­punk und Elek­tro, an Bands wie Pe­re Ubu, Throb­bing Grist­le oder Ca­ba­ret Vol­taire ab­ar­bei­ten und nicht ver­su­chen, die deut­schen Ra­mo­nes zu wer­den. Die Sze­ne im Ra­tin­ger Hof ist, auch wenn es ihr ge­lingt, mit Hil­fe des Jour­na­lis­ten Al­fred Hils­berg ei­ne Au­ßen­wir­kung zu er­zeu­gen, im­mer in der Ge­fahr, den An­schluss zu ver­lie­ren. „Das war schon sand­kas­ten­mä­ßig El­len­bo­gen. Da ging es im­mer dar­um, wer ist der Ers­te, wer hat die ers­te LP drau­ßen. Und das wur­de dann ganz schlimm oder er­kenn­bar, als der Er­folg über Geld kam“, sagt Dör­per.

Pro­pa­gan­da mit Ralph Dör­per - p: Ma­chine­ry


© zttre­cor­ds

Als wir mit Jür­gen Eng­ler spre­chen, der die Düs­sel­dor­fer Sze­ne als Mit­glied von Ma­le er­lebt hat, zu­sam­men mit Dör­per in den Krupps spielt und heu­te in Aus­tin lebt, be­stä­tigt er die­se Sicht­wei­se: „Mit dem Ra­tin­ger Hof hat­te man das CBGB von Düs­sel­dorf. In der Alt­stadt hat sich das al­les ge­ballt wie in ei­nem Mi­kro­kos­mos, in dem sich die gan­ze Welt ge­trof­fen hat und Plä­ne ge­schmie­det hat. Das war an­fangs wie ein Zu­hau­se drau­ßen“, er­zählt er. „Die Sze­ne in Düs­sel­dorf selbst war ja sehr klein. An­fangs 77/78/79 war es mehr oder we­ni­ger so, dass die Bands selbst das Pu­bli­kum wa­ren für die an­de­ren Bands.“ Auch Eng­ler be­tont die kon­flikt­rei­che At­mo­sphä­re im Ra­tin­ger Hof: „Es war auch ein ex­tre­mes Kon­kur­renz­den­ken in der Sze­ne da. Ich weiß nicht, wo­her das kam. Es wur­de viel ge­spöt­telt und auch we­nig zu­sam­men­ge­ar­bei­tet. Ich wür­de das auch dar­auf zu­rück­füh­ren, dass die Sze­ne ins­ge­samt ziem­lich deutsch war: Die­ses Kon­kur­renz­den­ken, die­ses Spöt­ti­sche, die­ses Eli­tär-sein-Wol­len, die­ses an­de­re run­ter­but­tern. Das hat auch ei­ni­ges ka­putt­ge­macht.“

Die Krupps - Wah­re Ar­beit, wah­rer Lohn (1981)


© mu­re­cran

Viel­leicht sind es die­se Span­nun­gen im Ra­tin­ger Hof – zwi­schen Kunst­aka­de­mis­ten und Mu­si­kern, zwi­schen Aus­gren­zern und In­te­grie­rern, zwi­schen Geld und Geld­not, zwi­schen Düs­sel­dor­fern und Zu­ge­wan­der­ten aus So­lin­gen, Kre­feld, Ha­gen oder Wup­per­tal, zwi­schen Pun­kern, Ro­ckern, Elek­tro­ni­kern, zwi­schen an­ti­kom­mer­zi­el­lem Punk und er­folgs­ori­en­tier­ter New Wa­ve, die so viel Krea­ti­vi­tät aus­lö­sen. Die ei­nes der wich­tigs­ten deutsch­spra­chi­gen Rock­al­ben – Fehl­far­bens Mon­ar­chie & All­tag – eben­so er­mög­li­chen wie den elek­tro­ni­schen Da­da­is­mus von Der Plan oder den har­ten Elek­tro von DAFs „Tanz den Mus­so­li­ni“. Mit den ers­ten Hits springt dann aber die Mu­sik­in­dus­trie auf den Sound aus Düs­sel­dorf auf und über­kom­mer­zia­li­siert und zer­stört ihn mit der Ba­na­li­tät der Neu­en Deut­schen Wel­le, vom „Knutsch­fleck“ bis zum „Tret­boot in See­not“. Eng­ler reicht das aber nicht als Er­klä­rung für das En­de der Sze­ne: „Mit der Hel­mut Kohl-Ge­ne­ra­ti­on kam ein ganz an­de­rer Vi­be in die Stadt. Auf ein­mal sind al­le Punks und Wa­ver nicht mehr auf die Kunst­aka­de­mie ge­gan­gen, son­dern BWL-Stu­den­ten ge­wor­den. Da­mit war es vor­bei. Auf ein­mal hat­ten al­le Ty­pen, die vor­her den Toughen her­aus­ge­kehrt ha­ben, Pop­per-Haar­schnit­te. Leu­te, die ei­ne Front mit uns ge­bil­det hat­ten, dreh­ten sich kom­plett und wur­den zu Ni­ckel­bril­len­trä­gern“, er­zählt er. „Ich glau­be wirk­lich, dass die­se kon­ser­va­ti­ve Zei­ten­wen­de so rich­tig rein­ge­schwappt ist in die gan­ze Sze­ne und al­les ka­putt­ge­macht hat. Auf ein­mal gab es kei­ne Leu­te mehr, die ge­dacht ha­ben: Wir müs­sen hier was än­dern! Auf ein­mal fan­den al­le al­les un­heim­lich gut.“

Düs­sel­dorf ge­lingt es nicht mehr so recht, ei­ne do­mi­nan­te Pop­mu­sik­stadt des Lan­des zu wer­den. Vor al­lem die spä­ten 1980er Jah­re bis weit in die 90er sind ei­ne Zeit der Öd­nis. Zu vie­le in­no­va­ti­ve Mu­si­ker sind aus der Stadt ab­ge­wan­dert und ei­ne mu­si­ka­li­sche In­fra­struk­tur fehlt. Erst Mit­te der Neun­zi­ger Jah­re sind es Krea­ti­ve wie Det­lef Wein­rich, Alex Paulick, An­dre­as Reih­se und Tho­mas Klein von der 1994 ge­grün­de­ten Band Kreid­ler, de­nen es wie­der ge­lingt, Düs­sel­dorf auf die in­ter­na­tio­na­le Po­pland­kar­te zu set­zen. „Ich kom­me ei­gent­lich aus Süd­deutsch­land und bin für den Zi­vil­dienst in Düs­sel­dorf ge­lan­det, weil ich da ei­ne Stel­le ge­fun­den ha­be“, er­zählt Reih­se. „Ich dach­te: Das ist ja toll: Düs­sel­dorf, eben ge­nau, weil da Kraft­werk und der gan­ze Post-Punk-Kram her­kam. Und ich bin in Düs­sel­dorf an­ge­kom­men, und da war nichts!“

Kreid­ler, die elek­tro­ni­sche Mu­sik mit ana­lo­gen In­stru­men­ten ver­bin­den und dar­aus ei­ne ei­gen­stän­di­ge Mi­schung aus Avant­gar­de-Elec­tro­ni­ca, Dub, Tech­no und Post-Ir­gend­was her­vor­brin­gen, er­schaf­fen sich als Re­ak­ti­on dar­auf im Lau­fe der Zeit ei­ge­ne Struk­tu­ren: ab 1999 in dem Künst­ler/Mu­si­ker Ver­ein „In­nen­stadt Main­stream“ am Düs­sel­dor­fer Bahn­hof, zu dem un­ter an­de­rem auch die Künst­ler­grup­pe hob­by­po­p­MU­SE­UM und der Un­der­ground­club Ego ge­hör­ten; spä­ter wird Wein­rich ei­ner der Be­trei­ber der Bar Sa­lon des Ama­teurs.

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Vladimir Ivkovic im Salon des Amarteurs, © Markus Luigs

Sa­lon des Ama­teurs


Doch im­mer wie­der, wenn er sich zu dem Phä­no­men Me­tro­po­le und Pop­mu­sik aus­lässt, wird sein am­bi­va­len­tes Ver­hält­nis zu Düs­sel­dorf deut­lich. Ei­ner­seits hat er mit der Bar ei­nen der we­ni­gen Or­te ge­schaf­fen, der Pop aus Düs­sel­dorf in der heu­ti­gen Zeit ver­ort­bar macht. An­de­rer­seits wehrt er sich da­ge­gen, den Hel­den von einst zu et­was ver­pflich­tet sein zu müs­sen. Auf ei­ner Le­sung mit „Sound of the Ci­ties“ in der Düs­sel­dor­fer So­lo­bar, die mit dem Sa­lon des Ama­teurs ver­bun­den ist, zeigt sich das sehr deut­lich, als ei­ne Be­su­che­rin ei­ne Fra­ge zu ei­ner der wich­ti­gen Fi­gu­ren der frü­he­ren künst­le­ri­schen Sub­kul­tur stel­len will. Sinn­ge­mäß ant­wor­tet Wein­rich wü­tend, dass die Stadt un­dank­bar sei, weil sie nicht an­er­ken­ne, wel­che künst­le­ri­sche Frei­heit heu­te wei­ter­hin un­ter Auf­brin­gung größ­ter En­er­gie ge­lebt wer­de. Vie­le, die von der ver­gan­ge­nen Avant­gar­de der sieb­zi­ger und acht­zi­ger Jah­re schwärm­ten, kä­men gleich­zei­tig nicht in den Sa­lon, um die neue Avant­gar­de zu er­le­ben und zu wür­di­gen.

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Lena Willikens, © Lena Willikens, Illustration von Saskia Wragge

In die­ser Hin­sicht ist auch Wein­richs Ver­hält­nis zu Kraft­werk und NEU! als Im­puls­ge­ber höchst am­bi­va­lent: „Zu An­fang war das viel­leicht ein Mo­tiv. Ich per­sön­lich wür­de mich aber da­von ab­gren­zen, weil ich die­ser Fra­ge mü­de bin, weil man das im­mer ge­fragt wird. Und weil es in den letz­ten Jah­ren von Ber­lin aus im­mer wie­der so ei­ne Art von künst­lich ge­züch­te­ter Idee von Düs­sel­dorf als Mu­sik­stadt gab“, sagt Wein­rich, der so­lo als DJ Tou­lou­se Low Trax Plat­ten auf­legt. Wich­tig ist für Kreid­ler, wie für ih­re Vor­gän­ger die Nä­he zur Düs­sel­dor­fer Kunst­aka­de­mie. Klein be­tont die dort auf­find­ba­re „kunst­ver­bun­de­ne Art, sich Ni­schen zu schaf­fen und Plät­ze für ei­ne ge­wis­se Zeit zu be­an­spru­chen und ei­ne Sub­kul­tur zu schaf­fen, die auch an­de­re Leu­te an­zieht oder auf sich auf­merk­sam macht.“ Und Wein­rich macht klar, dass die be­son­de­re Krea­ti­vi­tät in Düs­sel­dorf im­mer nur sicht­bar ge­wor­den ist, wenn ein Club­be­trei­ber ei­ne be­son­de­re At­mo­sphä­re ge­schaf­fen hat. Denn die wich­tigs­te Quel­le aus der in der Stadt et­was ent­ste­hen konn­te, brauch­te sub­kul­tu­rel­le Or­te, um sich zu ent­fal­ten. „Das war in Düs­sel­dorf im­mer an die Kunst­aka­de­mie ge­bun­den und an ei­nen gu­ten La­den. Wenn es die­se Lä­den nicht ge­ge­ben hät­te, wä­re nicht so viel pas­siert. Dann ist eben Cream­cheese sieb­zi­ger Jah­re und Ra­tin­ger Hof und viel­leicht für ei­ne kur­ze Zeit auch mal der Sa­lon im Ge­spräch ge­we­sen. Da­zwi­schen gab es noch das Ego und wie­der auch an­de­re Mu­sik. Das hat auch viel­leicht im­mer da­mit zu tun, dass man sagt: Nee, ich will mit der Stadt ei­gent­lich gar nichts zu tun ha­ben. Viel­leicht so ei­ne Art An­ti-Hal­tung so­gar“, sagt er

So am­bi­va­lent sich das Ver­hält­nis zur Stadt für Sa­lon-Ge­schäfts­füh­rer Det­lef Wein­rich auch dar­stellt, von au­ßen – und das meint für Düs­sel­dorf na­tür­lich auch: von au­ßer­halb Deutsch­lands – wird die Mu­sik­stadt Düs­sel­dorf heu­te na­tür­lich auch durch den Fil­ter des Sa­lon des Ama­teurs wahr­ge­nom­men. Der Sound von DJs wie der in Köln le­ben­den, aber im Sa­lon als Re­si­dent-DJ fir­mie­ren­den Le­na Wil­li­kens, ir­gend­wo zwi­schen mo­der­nem Elek­tro und avant­gar­dis­ti­schem Kraut an­ge­sie­delt, wird als neue Düs­sel­dor­fer Schu­le ge­hört. Der Sa­lon ist in­zwi­schen selbst mehr­fach zum Grün­dungs­my­thos ge­wor­den. „Ich ha­be im Sa­lon bei zehn Jah­re Boo­king auch im­mer dar­auf ge­ach­tet, dass im­mer sieb­zig Pro­zent der Sa­chen aus dem Aus­land kom­men, die ich prä­sen­tie­re. Und nicht im­mer den­ke, jetzt kön­nen al­le mei­ne Freun­de spie­len. Und das ha­ben mir auch man­che Leu­te übel­ge­nom­men. Aber das ist in­zwi­schen of­fe­ner ge­wor­den, viel­leicht auch weil ich fau­ler ge­wor­den bin. Aber die­se Lust ha­ben, das Fens­ter nach drau­ßen zu ha­ben, in­dem man Künst­ler ein­lädt in sei­ne Lo­ca­ti­on, das ist to­tal wich­tig“, sagt Ge­schäfts­füh­rer Wein­rich.

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Auftritt des Künstlers Gigi Masin in 2016, © Markus Luigs

Gi­gi Ma­sin in der Kunst­aka­de­mie, 2016


Der Pia­nist Hausch­ka, 1966 als Vol­ker Ber­tel­mann in Kreuz­tal in der Nä­he von Sie­gen auf die Welt ge­kom­men, ist ei­ner der Künst­ler, die in die­sem Um­feld groß ge­wor­den sind. Hier hat er sei­ne Idee des prä­pa­rier­ten Pia­nos ver­fei­nert. Noch be­vor er Mit­te der neun­zi­ger Jah­re nach Düs­sel­dorf zieht, ist er zu­nächst als Hip-Hop-Mu­si­ker ei­ni­ger­ma­ßen er­folg­reich. Sei­ne Köl­ner For­ma­ti­on God’s Fa­vo­ri­te Dog schafft es bis ins Vor­pro­gramm der Fan­tas­ti­schen Vier. In den frü­hen nul­ler Jah­ren fängt er an, Pia­no­mu­sik zu kom­po­nie­ren. Auf dem La­bel Ka­rao­ke Kalk ver­öf­fent­licht er ers­te Stü­cke, 2005 er­scheint sein Al­bum Pre­pa­red Pia­no, das zu ei­nem pro­gram­ma­ti­schen Werk mit gro­ßem Ein­fluss wird.

Im ver­meint­li­chen Nie­mands­land zwi­schen zeit­ge­nös­si­scher Klas­sik, Pop und Elek­tro­nik be­ginnt sich ei­ne Sze­ne zu for­mie­ren. Mu­si­ker wie der deutsch­stäm­mi­ge Bri­te Max Rich­ter oder der in Ber­lin le­ben­de Ham­bur­ger Nils Frahm kom­po­nie­ren Kla­vier­stü­cke, schrei­ben Film­sound­tracks und ge­ben Kon­zer­te, die von Mi­ni­mal Mu­sic ge­prägt sind und häu­fig mit ver­frem­de­ten Kla­vier­klän­gen ar­bei­ten. Hausch­ka wird zu ei­ner der zen­tra­len Fi­gu­ren der Sze­ne. Sei­ne Plat­ten wie Fern­dorf (2008) und What If (2017) wer­den von der in­ter­na­tio­na­len Kri­tik ge­fei­ert. 2017 wird er ge­mein­sam mit sei­nem ame­ri­ka­ni­schen Kom­po­nis­ten­kol­le­gen Dus­tin O’Hall­oran für den Film­sound­track zu „Li­on“ für den Os­car no­mi­niert. Doch es ist das fal­sche Jahr: Ge­gen das Mu­si­cal „La La Land“, ei­nen der gro­ßen Kri­ti­ker­fa­vo­ri­ten des Jah­res, kön­nen die bei­den nicht be­ste­hen.

Hausch­ka ist ein wei­te­res Bei­spiel da­für, dass von Düs­sel­dorf häu­fig Im­pul­se aus­ge­hen, die weit über die deut­schen Gren­zen hin­aus auf­ge­nom­men wer­den. Die Idee des prä­pa­rier­ten Pia­nos, bei dem die Kla­vier­sai­ten durch Ge­gen­stän­de ma­ni­pu­liert und in ih­rem Klang ver­än­dert wer­den, hat­te in den vier­zi­ger Jah­ren der ame­ri­ka­ni­sche Avant­gar­de-Kom­po­nist John Ca­ge. Sein Ziel war da­mals, mit be­grenz­ten Res­sour­cen per­kus­si­ve Ef­fek­te für ein mo­der­nes Tanz­stück zu er­zeu­gen. In der Pop­mu­sik war der bri­ti­sche Ex­pe­ri­men­tal-Tech­no-Mu­si­ker Aphex Twin An­fang der nul­ler Jah­re ei­ner der ers­ten, der die­sen Ball auf­nahm. Hausch­ka über­nahm und ver­fei­ner­te über die Jah­re das Kon­zept. Auf sei­nem 2017 er­schie­nen Al­bum What If hat er es zu ei­ni­ger Meis­ter­schaft ge­bracht. Vor­bil­der wie Phi­lip Glass und Ste­ve Reich klin­gen durch, mal ge­ben Tan­go-Rhyth­men den Takt vor, mal fühlt man sich in das Ber­lin der Jahr­tau­send­wen­de mit sei­nem spar­sa­men Mi­ni­mal-Tech­no zu­rück­ver­setzt. Und al­les ist mit dem Kla­vier er­zeugt.

Hausch­ka


© Hausch­ka

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Gradnbrothers, © Tonje Thilesen

Grand­bro­thers


Nach al­lem, was wir schon über Düs­sel­dorf als Pop­me­tro­po­le er­fah­ren konn­ten, ist es kei­ne Über­ra­schung, dass auch der jüngs­te Ex­port­schla­ger der Stadt wie­der das ist, was die Stadt aus­zu­zeich­nen scheint: nah an der bil­den­den Kunst, avant­gar­dis­tisch und ver­spielt, in­ter­na­tio­nal an­schluss­fä­hig und den we­ni­gen be­ste­hen­den lo­ka­len Mu­sik­struk­tu­ren ent­wach­sen. Das Düs­sel­dor­fer Duo Grand­bro­thers hat auf bis­lang zwei Al­ben ei­nen Sound ent­wi­ckelt, der die span­nends­ten Ele­men­te mo­der­ner Elek­tro­nik, prä­pa­rier­ter Pia­nos und der ame­ri­ka­ni­schen Mi­ni­mal-Mu­sic-Tra­di­ti­on ver­eint. Mit ih­ren um­ju­bel­ten Auf­trit­ten fül­len sie grö­ße­re In­die-Clubs, Kir­chen oder Kon­zert­häu­ser, die in­ter­na­tio­na­le Kri­tik schwärmt von dem Deutsch-Schwei­zer Duo, das sich beim Stu­di­um in Düs­sel­dorf ken­nen­ge­lernt hat. Da­für, dass sie die viel­leicht auf­re­gends­te Er­schei­nung des deut­schen Pop seit The Not­wist sind, sind die deut­schen Re­zen­sen­ten al­ler­dings über­ra­schend ver­hal­ten. Auch Hausch­ka und Nils Frahm, die ähn­li­che Ide­en ver­fol­gen, schei­nen bis­lang das auf­ge­schlos­se­ne Pu­bli­kum mehr zu be­geis­tern als die zu­rück­hal­ten­den Feuille­to­nis­ten.

Erol Sarp (*1986) und Lu­kas Vo­gel (*1986) sind im Jahr 2007 aus Wup­per­tal und Zü­rich nach Düs­sel­dorf ge­zo­gen, um Ton und Bild­tech­nik am In­sti­tut für Mu­sik und Me­di­en zu stu­die­ren. Vor al­lem Phil­lip Schul­ze, Do­zent für Akus­ti­sche Mu­sik und Me­dia­le Zeit­for­men hat sie an der Uni­ver­si­tät in­spi­riert. „Wir ha­ben dort ei­ne gro­ße Krea­ti­vi­tät und Frei­heit, uns aus­zu­pro­bie­ren, er­lebt. Für uns war es am In­sti­tut so, als wir an­fin­gen zu bas­teln. Schul­ze war ein wich­ti­ger Ein­fluss. Wir konn­ten uns aus­to­ben“, sagt Sarp in ei­nem In­ter­view am Te­le­fon.

Sarp sitzt am Flü­gel und be­dient die Tas­ten, die mit den prä­pa­rier­ten Sai­ten ver­bun­den sind, Vo­gel be­ar­bei­tet die Klän­ge mit dem Lap­top. Die lan­ge elek­tro­ni­sche Tra­di­ti­on von Kraft­werk über NEU!, Pro­pa­gan­da und Kreid­ler sei für die bei­den Mu­si­ker kei­ne Be­las­tung ge­we­sen. „Es war eher cool zu wis­sen, dass sol­che Bands hier et­was be­wegt ha­ben und im Elek­tro­ni­schen Pio­nie­re sind. Ei­nen kon­kre­ten An­knüp­fungs­punkt gab es aber“, er­klärt Sarp. „Hausch­ka! Er war schon zehn Jah­re vor uns hier und hat zum Bei­spiel ein Al­bum be­wusst Sa­lon des Ama­teurs ge­nannt. Beim ers­ten Tref­fen war er sehr zu­vor­kom­mend. Un­se­ren ers­ten Auf­tritt hat­ten wir auf sei­nem Fes­ti­val“.

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Mischpult im Salon des Amateurs, © Andreas Schiko

Ge­meint ist das Ap­pro­xi­ma­ti­on Fes­ti­val (www.ap­pro­xi­ma­ti­on-fes­ti­val.de). Die­ses ha­ben Hausch­ka und der bil­den­de Künst­ler Aron Meh­zi­on 2005 im Sa­lon des Ama­teurs ge­star­tet. Über die Jah­re ha­ben sie vie­le be­deu­ten­de Künst­ler an der Schnitt­stel­le von Klas­sik und elek­tro­ni­scher Avant­gar­de nach Düs­sel­dorf ein­ge­la­den: Max Rich­ter, Ryuichi Sa­ka­mo­to, Ste­ve Reich, Bar­ba­ra Mor­gen­stern, Howe Gelb, Jan Je­linek, Kro­nos Quar­tet, Bug­ge Wes­seltoft und Múm sind hier schon auf­ge­tre­ten. Laut ei­ge­ner Aus­kunft ver­steht sich das Fes­ti­val „zu­gleich als ei­ne ex­pe­ri­men­tel­le Platt­form, die Mu­si­ker aus ver­schie­de­nen Ge­ne­ra­tio­nen, Na­tio­nen und Sze­nen zu­sam­men­führt, als ein Fo­rum für die zeit­ge­nös­si­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit Pia­no und Key­boards“. Stu­die­ren­den, Lai­en und Künst­lern bö­ten sich Mög­lich­kei­ten für die Zu­sam­men­ar­beit mit Kom­po­nis­ten aus ganz an­de­ren Gen­res.

Auch den Sa­lon des Ama­teurs er­le­ben Sarp und Vo­gel in ih­rer Stu­di­en­zeit in­ten­siv, su­chen den Aus­tausch mit an­de­ren Krea­ti­ven und hö­ren die ex­pe­ri­men­tel­len Sets der DJs. Zwei­mal tre­ten sie dort mit ih­rem Grand­bro­thers-Pro­jekt auch selbst auf und fei­ern dort die Re­lease-Par­ty zu ih­rem ers­ten Al­bum „Di­la­ti­on“, das 2015 er­scheint. Die ers­te Sin­gle „Ez­ra Was Right“ hört der ein­fluss­rei­che Lon­do­ner DJ Gil­les Pe­ter­son und spielt sie häu­fi­ger in sei­ner Ra­dio-Sen­dung, so­dass die Grand­bro­thers schnell zu ei­nem in­ter­na­tio­nal be­ach­te­ten Phä­no­men wer­den. Ob­wohl sie nur ei­ni­ge Jah­re in Düs­sel­dorf ge­lebt ha­ben, Sarp in­zwi­schen in Ber­lin und Vo­gel im Ruhr­ge­biet wohnt, se­hen sie die Zeit in Düs­sel­dorf als ent­schei­den­de In­spi­ra­ti­on an und be­zeich­nen sich bis heu­te als Düs­sel­dor­fer Mu­si­ker. „Ich war schon ei­ne Wei­le nicht mehr im Sa­lon, aber da­mals ha­ben wir es in­ten­siv er­lebt. Das war sehr prä­gend, weil es in Düs­sel­dorf nicht vie­le Al­ter­na­ti­ven gibt. Hier kon­zen­triert sich die Sze­ne und ein ei­ge­ner Sound. In die­sem Um­feld gibt es vie­le Mu­si­ker, oft mit ei­ner Nä­he zur Kunst­aka­de­mie“, sagt Vo­gel. Und die Aus­strah­lung die­ser Sze­ne weit über die Stadt­gren­zen hin­aus sor­ge auch da­für, dass Düs­sel­dorf wei­ter­hin ein Sound-Eti­kett an­ge­hef­tet wer­de. „Det­lef Wein­rich und Le­na Wil­li­kens sind welt­weit be­kannt. Sie tra­gen den Sound der Stadt in die Welt. Auf dem So­nar Fes­ti­val spie­len die­se Leu­te, das ist gut für die Stadt“, sagt Sarp.
In­zwi­schen steht ihr prä­pa­rier­ter Flü­gel in ei­nem Pro­be­raum in Bo­chum, nach­dem Auf­ent­hal­te in Reck­ling­hau­sen, Gel­sen­kir­chen und in ei­nem „gru­se­li­gen Kauf­haus“ in Her­ne nur von kur­zer Dau­er wa­ren. „Das Pro­jekt Grand­bro­thers hat das nicht be­ein­flusst, weil wir jetzt ei­nen Sound hat­ten“, sagt Vo­gel. In Bo­chum zäh­len sie sich nicht zur Sze­ne. Es ist, wie es so oft mit Mu­si­kern ist, die ihr Kon­zept ge­fun­den ha­ben und nun kei­ne In­spi­ra­ti­on und Un­ter­stüt­zung ih­res Um­felds mehr brau­chen. Ihr bahn­bre­chen­des zwei­tes Al­bum „Open“ ist längst das Werk zwei­er eta­blier­ter Künst­ler mit ei­ner ei­ge­nen Hand­schrift – ge­prägt durch Düs­sel­dorf, aber Er­geb­nis ei­ner in­di­vi­du­el­len Vi­si­on.

Ob man Hausch­ka, Grand­bro­thers und Kreid­ler be­trach­tet oder Bands wie die Elek­tro­ni­ker Sta­bil Eli­te, die sich in Text, Äs­the­tik und Mu­sik kon­se­quent auf den Krau­t­rock be­zie­hen und ih­re ers­te EP be­wusst an Klaus Din­gers To­des­tag ver­öf­fent­lich­ten: Al­le Düs­sel­dor­fer Bands der Ge­gen­wart sind nicht oh­ne ih­re Vor­gän­ger denk­bar. „Ich bin ja gro­ßer Struk­tu­ra­list. Es bil­det sich ei­ne Struk­tur und dar­aus bil­det sich ei­ne neue Struk­tur, oh­ne dass Du ge­nau sa­gen kannst, was der An­fang war. Pfa­dab­hän­gig­keit ist das zen­tra­le Wort!“, er­klärt Ti­mon-Karl Ka­lay­ta ir­gend­wann in un­se­rem Ge­spräch. Und in der Tat ist es be­mer­kens­wert, wie sehr auch sei­ne Band Su­san­ne Blech ei­ne Düs­sel­dor­fer Band ist, ob­wohl die Mit­glie­der Zu­ge­zo­ge­ne sind, ob­wohl Ka­lay­ta sich selbst ei­ne gro­ße „Mu­sikun­bil­dung“ at­tes­tiert, ob­wohl das Ab­gren­zungs­be­dürf­nis ge­gen­über den Vor­gän­gern groß ist und ob­wohl die Band in ei­nem ganz ei­gen­stän­di­gen mu­si­ka­li­schen Kos­mos aus Punk, Elek­tro und Phi­lo­so­phie agiert. Su­san­ne Blech sind wie vie­le ih­rer Düs­sel­dor­fer Vor­gän­ger mu­tig, ex­pe­ri­men­tier­freu­dig und Elek­tro­nik-in­fi­ziert. Oh­ne je­mals im Ra­tin­ger Hof ge­we­sen zu sein, ver­steht der Song­schrei­ber Elek­tro­nik und Punk als ver­ein­bar, sieht er Mu­sik als ein Mit­tel der Selbst­er­mäch­ti­gung, ist für ihn die Ver­knüp­fung von Kunst und Mu­sik Grund­la­ge sei­nes Ar­bei­tens. Ka­lay­ta hat ein „In­sti­tut für Zeit­ge­nos­sen­schaft“ ge­grün­det, führt ei­nen Ver­lag für im Er­schei­nen be­find­li­che Bü­cher und ver­an­stal­tet Aus­stel­lun­gen. Vor al­lem aber ver­wi­schen Su­san­ne Blech be­stän­dig die Gren­zen zwi­schen po­li­ti­scher Ernst­haf­tig­keit und post­mo­der­ner Iro­nie, zwi­schen Af­fir­ma­ti­on und Ab­gren­zung, zwi­schen re­gio­na­ler Ver­or­tung und in­ter­na­tio­na­ler Ori­en­tie­rung, zwi­schen Ober­flä­che und Tie­fe. „Für mich gibt es nur ein re­le­van­tes Kri­te­ri­um beim Schrei­ben: Je­der Buch­sta­be Kitsch und Pa­thos muss raus sein! Das muss zu 100 Pro­zent eli­mi­niert sein.“, er­klärt uns Ka­lay­ta am En­de. Das be­stän­di­ge, span­nungs­ge­la­de­ne Flir­ren zwi­schen Po­len cha­rak­te­ri­siert den Sound of Düs­sel­dorf von An­fang an und macht ihn bis heu­te au­ßer­ge­wöhn­lich.

Su­san­ne Blech - 1.000 Jah­re Kraft­werk


© Su­san­neBlech­Chan­nel

Doch nicht nur die Elek­tro­nik­t­ra­di­ti­on hat in Düs­sel­dorf blei­ben­de Spu­ren hin­ter­las­sen. Die To­ten Ho­sen, ei­ne der spä­ten For­ma­tio­nen der Ra­tin­ger-Hof-Ära, sind im Jahr 2018 ei­ne In­sti­tu­ti­on. Auf 14 Al­ben seit „Opel-Gang“ im Jahr 1983 ha­ben sie den Deutsch­punk po­pu­la­ri­siert und – wie vie­le ih­nen vor­wer­fen – auch ba­na­li­siert. In den frü­hen neun­zi­ger Jah­ren be­gan­nen sie nach Er­folgs­plat­ten wie „Auf dem Kreuz­zug ins Glück“ und „Kauf mich!“ mit Sta­di­en­tou­ren. Al­len­falls noch Die Ärz­te konn­ten es an Po­pu­la­ri­tät mit ih­nen auf­neh­men. Trotz ih­rer deut­schen Tex­te wer­den sie auch im Aus­land ge­schätzt, was ih­re gut be­such­ten Tour­ne­en in La­tein­ame­ri­ka be­le­gen. Sän­ger Cam­pi­no ist ei­ne öf­fent­li­che Fi­gur, die in Talk­shows, In­ter­views und öf­fent­li­chen Auf­trit­ten längst nicht nur zu mu­si­ka­li­schen The­men Stel­lung nimmt. Dass die Bands auch jün­ge­re Kol­le­gen un­ter­stüt­zen – un­ter an­de­rem mit ih­rem La­bel JKP – hat der Auf­stieg der Punk­band Broi­lers ge­zeigt, die sich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren zu so et­was wie den jun­gen Nach­fol­gern der To­ten Ho­sen auf­ge­schwun­gen ha­ben.

Die To­ten Ho­sen - Hier kommt Alex (Li­ve 2008)


© dt­his­cool

Ge­grün­det ha­ben Sän­ger Sam­my Ama­ra und Schlag­zeu­ger An­dre­as Brüg­ge die Broi­lers schon als Teen­ager in Düs­sel­dorf. Die To­ten Ho­sen wa­ren ne­ben The Clash und Bru­ce Springs­teen ei­ner der wich­tigs­ten Ein­flüs­se der Band, die sich der Oi!-Punk­be­we­gung zu­ge­hö­rig fühlt – ei­ner Wel­le aus Eng­land, die sich als an­ti­ras­sis­tisch be­greift und Im­pul­se aus Ska, Reg­gae und Pub Rock ver­ar­bei­tet. Ama­ra hat auch als Gra­fik­de­si­gner für die To­ten Ho­sen ge­ar­bei­tet. So ist die Band auch auf ihn und sei­ne For­ma­ti­on auf­merk­sam ge­wor­den. Seit die Broi­lers in de­ren Vor­pro­gramm ge­spielt ha­ben, sind sie sehr schnell sehr er­folg­reich ge­wor­den. 2011 nah­men sie das Al­bum „San­ta Mu­er­te“ auf, das auf Platz 3 der deut­schen Charts kam. Auf Platz 1 ka­men dann so­gar die Nach­fol­ger „Noir“ (2014) und „(sic!)“ (2017). Sam­my Ama­ra und sei­ne Band sind in­zwi­schen selbst Su­per­stars aus Düs­sel­dorf in der Tra­di­ti­on der To­ten Ho­sen.

Seit 2011 wer­den die Broi­lers vom To­ten-Ho­sen-La­bel JKP ge­ma­nagt. Drei Jah­re spä­ter wech­sel­te auch die Hip-Hop-Band An­ti­lo­pen Gang dort­hin. Sie ist ein Sam­mel­punkt von Mit­glie­dern der Düs­sel­dor­fer und der Aa­che­ner Hip-Hop-Sze­ne, zeich­net sich durch in­tel­lek­tu­el­le und po­li­ti­sche, häu­fig hu­mor­vol­le und iro­ni­sche, meist sehr kon­tro­vers an­ge­leg­te Tex­te aus. Ihr Sound un­ter­schei­det sich stark vom ver­brei­te­ten deut­schen Gangs­ta-Hip-Hop-Trash, sie ver­wen­den ech­te In­stru­men­te, die Raps sind durch­dacht und ver­brei­ten ei­ne de­zi­diert lin­ke Hal­tung. Mit ih­rem Song „Bea­te Zschä­pe hört U2“ pran­gern sie den bür­ger­li­chen Ex­tre­mis­mus im Lan­de an, in „Bag­ger­see“ re­gen sie an, dort wo Deutsch­land ist, ei­ne Atom­bom­be zu zün­den, um ei­nen Bag­ger­see ent­ste­hen zu las­sen. „Atom­bom­be auf Deutsch­land, dann ist Ru­he im Kar­ton“ lau­tet der pro­vo­ka­ti­ve ers­te Vers des Re­frains. 2013 hät­te der Frei­tod ih­res de­pres­si­ven Mit­glieds NMZS die Band bei­na­he vor das Aus ge­stellt. Doch mit dem Wech­sel zu JKP kam der Er­folg. Das Al­bum An­ar­chie und All­tag, das ein wei­te­rer Be­leg für die in­ter­tex­tu­el­len Be­zü­ge der Düs­sel­dor­fer Sze­ne ist und na­tür­lich auf Fehl­far­bens Meis­ter­werk Mon­ar­chie & All­tag an­spielt, lan­det 2017 auf Platz 1 der deut­schen Charts und ge­winnt den Mu­sik­preis Echo in der Ka­te­go­rie „Kri­ti­ker­preis na­tio­nal“.

An­ti­lo­pen Gang


Bea­te Zschä­pe hört U2

In den ver­gan­ge­nen Jah­ren ent­wi­ckelt sich Düs­sel­dorf zu­neh­mend zu ei­ner span­nen­den Li­ve­mu­sik-Stadt. Das jähr­lich auf der Ga­lopp­renn­bahn statt­fin­den­de Open Sour­ce Fes­ti­val (www.open-sour­ce-fes­ti­val.de)steht un­ter der Schirm­herr­schaft des Ober­bür­ger­meis­ters der Stadt. Im Jahr 2018 sind To­co­tro­nic, Ci­ga­ret­tes Af­ter Sex und Jo­an As Po­li­ce Wo­man als Head­liner ge­bucht. Seit 2011 steigt dar­über hin­aus im Herbst das New Fall Fes­ti­val, des­sen Aus­gangs­idee einst war, dass stil­vol­le Mu­sik in wür­di­gem Am­bi­en­te auf­ge­führt wer­den soll­te: Die Ton­hal­le Düs­sel­dorf, der Sym­pho­nie­saal und das ehe­ma­li­ge Pla­ne­ta­ri­um die­nen als Spiel­stät­ten – ge­nau­so wie der Ro­bert-Schu­mann-Saal und der haus­ei­ge­ne Kon­zert­saal des Mu­se­um Kunst­pa­last. Das Spek­trum der Künst­ler reich­te schon im ers­ten Jahr vom Kam­mer­pop Ólaf­ur Ar­nalds über die Reg­gae-Stars von Gent­le­man bis zu den In­die­pop­pern von Nou­vel­le Va­gue. Sol­che re­gel­mä­ßi­gen Hap­pe­nings sor­gen da­für, dass auch die jün­ge­re Ge­ne­ra­ti­on in Düs­sel­dorf wei­ter­hin mit dem in­ter­na­tio­na­len Stoff ver­sorgt wer­den, aus dem viel­leicht auch sie ei­nes Ta­ges ih­re Träu­me ge­stal­ten – so wie Mit­te der Sech­zi­ger Jah­re, als Ma­ri­us Mül­ler-Wes­tern­ha­gen sei­ne Vor­bil­der aus Beat und Rhythm and Blues haut­nah er­leb­te. Und sie bie­tet jun­gen Künst­lern aus der Stadt wie der An­ti­lo­pen Gang ei­ne Büh­ne.

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Open Source Festival, © Sebastian Wolf
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Eingang mit Flair: Museum Kunstpalast, © Düsseldorf Tourismus GmbH

Auf ei­ne für Au­ßen­ste­hen­de fas­zi­nie­ren­de, oft aber auch ir­ri­tie­ren­de Art und Wei­se ist sich Düs­sel­dorf sei­ner be­ein­dru­cken­den Pop­ge­schich­te be­wusst. Es gibt und gab Ta­gun­gen, Aus­stel­lun­gen und Ver­an­stal­tun­gen über die Gro­ßen des Pop in der Stadt, Kraft­werk selbst wur­den 2017 bei ih­rem Kon­zert im Eh­ren­hof wie heim­ge­kom­me­ne, ver­lo­re­ne Söh­ne und Le­gen­den ge­fei­ert. Gleich­zei­tig hat sich, ins­be­son­de­re in sub­kul­tu­rel­len Kon­tex­ten, ein Ge­fühl der Sät­ti­gung ver­brei­tet, das sich in Wein­richs Aus­sa­ge wie­der­fin­det, Düs­sel­dorf züch­te sich ei­ne künst­li­che Idee von sich selbst als Mu­sik­stadt. Der Jour­na­list Phil­ipp Hol­stein von der „Rhei­ni­schen Post“ for­der­te in ei­nem Ar­ti­kel über Rü­di­ger Eschs zwei­tes Sym­po­si­um über die „Elec­tri_Ci­ty“, ein­mal noch dür­fe sich Düs­sel­dorf jetzt als Pop­stadt selbst fei­ern, dann al­ler­dings müs­se es den Blick für das Neue öff­nen.

Doch an der Mu­sea­li­sie­rung al­ter Hel­den führt wohl kein Weg vor­bei. Kraft­werk, längst oh­ne die zen­tra­len Mit­glie­der Flo­ri­an Schnei­der, Karl Bar­tos und Wolf­gang Flür un­ter­wegs und be­ste­hend aus Ralf Hüt­ter und drei sehr viel jün­ge­ren Mit­glie­dern, sind ein Fall für Kunst­aus­stel­lun­gen. 2012 führ­ten sie ihr ge­sam­tes Werk seit dem Al­bum Au­to­bahn im New Yor­ker Mu­se­um of Mo­dern Art auf, im Fol­ge­jahr wie­der­hol­ten sie das in ih­rer Hei­mat­stadt Düs­sel­dorf und in der Lon­do­ner Ta­te Mo­dern. Auch ihr frü­her För­de­rer Con­ny Plank er­fährt in­zwi­schen die An­er­ken­nung, die ihm ge­bührt. Her­bert Grö­ne­mey­ers La­bel Grön­land, das auch die drei NEU!-Al­ben wie­der­auf­ge­legt hat, fei­er­te den Pro­du­zen­ten 2013 mit ei­ner um­fas­sen­den Plat­ten- und CD-Box Who’s That Man: A Tri­bu­te To Con­ny Plank. Sein Sohn Ste­phan wid­me­te ihm vier Jah­re spä­ter den in­ti­men Do­ku­men­tar­film „The Po­ten­ti­al Of Noi­se“.
Wenn Düs­sel­dorf nicht be­quem wer­den will, muss es wie an­de­re be­deu­ten­de Pop­me­tro­po­len ler­nen, mit der Gleich­zei­tig­keit mu­sea­ler Hel­den und neu­er avant­gar­dis­ti­scher Spiel­for­men klar zu kom­men. Sonst legt sich die be­ein­dru­cken­de Tra­di­ti­on wie ei­ne Mehl­schicht über al­les, was neu ent­steht. Mit ih­rer kom­pak­ten Alt­stadt, die Krupps-Sän­ger Jür­gen Eng­ler an sei­ne seit vie­len Jah­ren enorm krea­ti­ve neue Hei­mat­stadt Aus­tin er­in­nert, und mit der Kunst­aka­de­mie hat die Stadt idea­le Vor­aus­set­zun­gen, im­mer wie­der fri­sche krea­ti­ve Köp­fe an­zu­zie­hen, die mit neu­en Ide­en auf­re­gen­de Pop­mu­sik er­schaf­fen. Doch Kul­tur­sze­nen al­tern und müs­sen sich frisch hal­ten, um dem Neu­en Raum zur Ent­fal­tung zu ver­schaf­fen. An Or­ten wie dem Sa­lon des Ama­teurs ist das im­mer wie­der ge­lun­gen, weil sich ei­ne kom­pro­miss­lo­se, wi­der­stän­di­ge und un­be­que­me Grund­hal­tung nicht mit dem Be­ste­hen­den zu­frie­den­gibt. Die­se Ein­stel­lung ist die Vor­aus­set­zung da­für, dass Düs­sel­dorf auch wei­ter­hin auf der Mu­sik­land­kar­te bleibt. Und zwar auf der in­ter­na­tio­na­len!

 

 

Die­ser Text ist die über­ar­bei­te­te, ver­län­ger­te Fas­sung des Ka­pi­tels „Düs­sel­dorf: Men­sch­ma­schi­nen und Alt­stadt­pun­ker“ aus dem Buch „Sound of the Ci­ties. Ei­ne pop­mu­si­ka­li­sche Ent­de­ckungs­rei­se“, Kein & Aber 2016, ISBN: 978-3-9540-3091-0. Ab­druck mit freund­li­cher Ge­neh­mi­gung von Kein & Aber AG, Zü­rich.
www.kein­und­a­ber.ch/de/li­tera­ry-work/sound-of-the-ci­ties/
Im Buch­han­del er­hält­lich.

Sound of #ur­bana­na: Düs­sel­dorf Play­list

 

 

Al­le Düs­sel­dor­fer Pop­spots

Der ehemalige Unique Club, © Andreas Schiko
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EX-Uni­que Club

Das Em Pöötzke in Düsseldorf, © Tourismus NRW e.V.
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Em Pöötz­ke

Auftritt des Künstlers Gigi Masin in 2016, © Markus Luigs
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Kunst­aka­de­mie

Eingang mit Flair: Museum Kunstpalast, © Düsseldorf Tourismus GmbH
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Eh­ren­hof

Die "Bühne" des AK47, © Markus Luigs
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AK47

Die Flinger Straße in der Düsseldorfer Altstadt, © Düsseldorf Tourismus GmbH
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Wolf­gang Riech­mann/Tat­ort Flin­ger Str.

Zum Nach­le­sen


Ansicht auf den Digitalen Guide "Sound of #urbanana", © Tourismus NRW e.V.
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Li­te­ra­tur

Logo sound of #urbanana, © Tourismus NRw e.V.
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Über das Pro­jekt

Club Bahnhof Ehrenfeld, © Ole Löding
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