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Architekten-Dynastie Böhm: Gottfried und Peter Böhm sitzen in einem kleinen Erker mit den farbigen Jugendstil-Fenstern., © Ralph Sondermann, Tourismus NRW e.V.

Familie Böhm: Väter und Söhne

Die Architekten-Dynastie Böhm

Gottfried Böhm ist einer der bedeutendsten Architekten des Landes. Als erster Deutscher 1986 mit dem Pritzker-Preis für Architektur ausgezeichnet, genießt er weltweites Ansehen. Allein 50 Kirchen schuf der Mann, der seit mehr als 80 Jahren in Köln lebt und wirkt, nach dem Krieg im Rheinland. Und noch heute, im hohen Alter von 97 Jahren, kommt Gottfried Böhm jeden Morgen ins Büro, wo mittlerweile seine drei Söhne Stephan, Paul und Peter ebenfalls als Architekten arbeiten. Jeder für sich – aber alle unter einem Dach. Wir haben die Böhms dort besucht.

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    Detailansicht einer Architektenmappe der Familie Böhm, © Ralph Sondermann, Tourismus NRW e.V.
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    Detailansicht der Hände: Peter Böhm modelliert eine Büste, © Ralph Sondermann, Tourismus NRW e.V.
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    Modell des Mariendoms Neviges, © Ralph Sondermann, Tourismus NRW e.V.
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    Peter Böhm steht vor einem Regal in seinem Kölner Büro, © Ralph Sondermann, Tourismus NRW e.V.
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Gottfried und Peter Böhm sitzen in ihrem Atelier., © Ralph Sondermann, Tourismus NRW e.V.

Der Raum ist schlicht, dank der großen Fenster lichtdurchflutet. In der Mitte lediglich ein langer dunkler Holztisch. Hier und da steht ein Modell. An den Wänden lehnen scheinbar durcheinander Bleistiftzeichnungen, Stadtvisionen in matten Farben. Dazwischen einige Skulpturen und eine Büste. „Mein Vater“, sagt Gottfried Böhm zur Begrüßung. Auf zwei Stöcke gestützt, kommt der 97-Jährige an diesem Morgen ins Büro. Freundlich und bestens aufgelegt nimmt er in dem kleinen Erker mit den farbigen Jugendstil-Fenstern Platz.

Vater Dominikus hatte das Haus 1930 für die Familie gebaut, bevor er vor den Nationalsozialisten zurück in seine schwäbische Heimat flüchten musste. Als er nach dem Krieg zurückkehrt, unterrichtet der bedeutende Kirchenbauer im Keller des Hauses Studenten. Noch heute heißen die Büros dort „die Klasse“. Doch der kleine Erker mit dem mit Blick auf den weitläufigen Garten ist wohl der schönste Rückzugsort des Hauses. Jeden Morgen trifft sich Gottfried Böhm hier mit seinem ältesten Mitarbeiter zum Kaffee. Seit mehr als 60 Jahren kennen die beiden sich schon, haben gemeinsam viel erlebt.

An diesem Tag gesellt sich Sohn Peter zu seinem Vater – während ihnen der Großvater, so möchte man meinen, ein bisschen „über die Schulter schaut“. Gottfried Böhm selbst hat die Büste seines Vaters angefertigt, will er als junger Mann doch zunächst Bildhauer werden. Das Architekturstudium macht er eher nebenbei. „Bis ich meine Frau kennengelernt habe.“ Plötzlich huscht ein sanftes Lächeln über das hellwache Gesicht des alten Mannes. Auch Elisabeth studiert damals in München Architektur. Gemeinsam verwirklicht das Ehepaar in den frühen Jahren einige Bauwerke, jedoch zieht sich Elisabeth bald mehr und mehr zurück und kümmert sich in erster Linie um die Familie. Gottfried Böhms berühmteste Arbeit wird schließlich die Wallfahrtskirche „Maria, Königin des Friedens“ in Velbert-Neviges sein, ein Bau wie ein zerklüftetes Felsmassiv, das den Baumeister zum bedeutendsten Vertreter des Beton-Brutalismus der 1960er Jahre macht.

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Modell des Mariendoms Neviges, © Ralph Sondermann, Tourismus NRW e.V.

" In erster Linie geht es bei jedem Bauwerk darum, welches Leben in ihm stattfindet.“

Gottfried Böhm

Nevigeser Wallfahrtsdom in Velbert

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Modell Fläche mit Bäumen, © Ralph Sondermann, Tourismus NRW e.V.

Mit den Plänen für das Hans-Otto-Theater in Potsdam mit seinen schwebenden roten Schalen macht Böhm seiner Ehefrau schließlich eine ganz besondere Liebeserklärung. Denn bis zu ihrem Tod ist Elisabeth Böhm das emotionale Zentrum der Familie und wichtige Stütze für den Architekten und Bildhauer Gottfried. Gefragt, was ihn bei der Arbeit am meisten inspiriere, muss er kurz nachdenken. Leise sagt er dann: „Das Leben.“ Um nach einer kurzen Pause hinzuzufügen. „Mit all seinen Höhen und Tiefen. Und als ich meine Frau kennenlernte, war das so ein großer Moment.“

Später erinnert sich Sohn Peter, dass der Vater beim Bau des eigenen Hauses ganz in der Nähe des Elternhauses der Mutter gar einen besonderen Wunsch erfüllte. Von außen deutlich von Mies van der Rohe beeinflusst, „verwandelte er es im Innern durch Trompe-d’œil in das kleine französische Schloss, von dem sie immer träumte“. In dieser Atmosphäre wachsen die Söhne Stephan (*1950), Markus (*1953), Peter (*1954) und Paul (*1959) heran und zeichnen schon bald ihre eigenen Entwürfe. „Ich war oft mit meinem Vater auf der Baustelle“, erzählt Peter Böhm und berichtet von seinem ersten Ölmalkasten und von Ausflügen nach Italien.

„Ich habe schon als Kind mein Zimmer mit Architektur ausgemalt. Mal war es der Turmbau zu Babel, mal eine Stadtmauer, mal ein italienischer Marktplatz.“

Peter Böhm

Zum Architekturstudium geht er dann nach Berlin und arbeitet ein halbes Jahr in Boston, bevor er nach Köln zurückkehrt, wo mittlerweile auch seine Brüder Stephan und Paul wieder gemeinsam mit dem Vater unter einem Dach arbeiten.

Ob es da immer friedlich zugeht? „Nö“, entfährt es Peter Böhm ganz spontan. Er muss selbst lachen und fügt noch schnell hinzu. „Es war auch schon mal schwierig.“ Vor allem aber diskutieren Söhne und Vater viel miteinander, holen sich gegenseitig Rat, spornen sich an und versuchen, sich gegenseitig keine Konkurrenz zu machen. „Schließlich hat doch jeder seine eigene Handschrift“, erklärt Peter das meist doch sehr harmonische Miteinander. „Und man nimmt sich gegenseitig nichts weg.“

Derweil schweifen die Gedanken des Patriarchen in die Zeit, da er vor mehr als siebzig Jahren selbst begann, sich stilistisch von Vater Dominikus abzusetzen. „Eigentlich“, sinniert der 97-Jährige, „hätte ihm das, was ich machte, doch fremd sein müssen.“ Die bildhauerischen Einflüsse, der Einsatz von Stahl und Glas beim Bau. „Aber er hat es wohlwollend betrachtet“, bilanziert der Senior etwas schmunzelnd. Letztlich sei der Grundgedanke jedes Architekten ja derselbe. „Denn egal ob Kirche, Theater oder Wohnungen, in erster Linie geht es bei jedem Bauwerk darum, welches Leben in ihm stattfindet“, da sind sich Vater und Sohn einig. Schließlich solle man nicht für die Zeitströmung bauen, kritisiert Peter Böhm leise einige seiner Kollegen.

„Man muss nicht um jeden Preis auffallen.“

Vielmehr seien die Funktion wichtig und die Umgebung, „mit der man gemeinsam etwas machen will“, wie Gottfried Böhm sagt. Anders machen würde er viele seiner Bauten heute übrigens nicht. „Manches vielleicht besser ...“

 

"Schließlich hat doch jeder seine eigene Handschrift“

Peter Böhm

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Blick in das Bücherregal der Böhms: zahlreiche gestapelte Bücher, darunter auch das Buch mit Architekturzeichnungen von Dominikus Böhm, Gottfried Böhm, Stephan, Peter und Paul Böhm, © Ralph Sondermann, Tourismus NRW e.V.

Beim Wiederaufbau der Stadt Köln, in die er kam, als er zehn Jahre alt war, habe ihm allerdings vieles nicht gefallen.

„Da habe ich oft gedacht, das müsse man anders machen“,

erinnert sich der Mann, der die Stadt schon vor dem Zweiten Weltkrieg kannte. Doch längst hat er seinen Frieden geschlossen. Jeden Morgen, noch bevor er ins Büro kommt, geht er allein am Rhein spazieren, ruht sich dann und wann auf einer der vielen Bänke am Ufer aus. Dann genießt er den Blick aufs Wasser, schaut den vorbeifahrenden Schiffen hinterher und ist ganz bei sich. Mit Sohn Markus, übrigens als einziger Mann in der Familie kein Architekt, unternimmt er gern auch einen Ausflug in die Eifel. In der Gegend rund um Nettersheim ist Gottfried Böhm schon früher oft gewandert. Wieder daheim, zieht es ihn zumeist an den Schreibtisch. Hier zeichnet er seine Stadtvisionen. „Nichts zum Bauen“, winkt er sogleich ab. „Das mache ich nur so, damit ich was zu tun habe."

Gern schaut er aber auch seinen Söhnen bei der Arbeit über die Schulter und diskutiert mit ihnen über Architektur. So macht Peter Böhm aktuell in der Architektenschaft eine Divergenz aus „zwischen dem, was sie gut finden, und dem, was sie meinen gut finden zu müssen“. Viele Städte seien deshalb viel zu heterogen, wie der 62-Jährige meint, „weil alle unbedingt den Kontrast wollen“. Doch das Bedürfnis an das Stadtleben und –erleben habe sich verändert.

„Die Menschen suchen Orte, die eine besondere Stimmung haben, wie zum Beispiel die Plätze in der Kölner Südstadt, wo sich gerade eine lebendige Szene entwickelt.“

Peter Böhm

Leute treffen sich hier spontan, reden miteinander, feiern oder genießen einfach ihren Feierabend. „In unserem Beruf muss man ein Gespür für solche Orte entwickeln“, erklärt Peter Böhm sein Verständnis von moderner Architektur, „um sich und seine Arbeit in diese Atmosphäre einzufügen.“ Ohne dabei die Bodenhaftung zu verlieren. So jedenfalls hat es ihm sein Vater Zeit seines Lebens vorgemacht. Und deshalb hat er ihm zu Ehren vor einiger Zeit damit begonnen, eine Büste vom Vater zu modellieren. Noch ist sie nicht ganz fertig. Aber bald schon wird sie wohl neben der des Dominikus’ ihren Platz finden.

 

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Peter Böhm modelliert eine Büste., © Ralph Sondermann, Tourismus NRW e.V.
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Ton und Messer für Modellage, © Ralph Sondermann, Tourismus NRW e.V.

Drei Fragen an Gottfried Böhm

Eifel- & Naturliebhaber

Sie haben 48 Stunden freie Zeit. Was würden Sie in dieser Zeit auf jeden Fall in NRW machen?

„Ich würde gern in der Eifel spazieren gehen. Wenn mein Sohn Markus kommt, fahren wir immer dort hin. Allein schaffe ich das leider nicht mehr. Aber in Nettersheim war ich früher oft wandern, in dieser wunderbaren Landschaft, die ich bei unseren gemeinsamen Ausflügen auch heute noch immer am meisten genieße.“

Welchen Ort in NRW haben Sie zuletzt für sich neu entdeckt?

„Ich gehe jeden Morgen, noch bevor ich ins Büro komme, am Rhein in Rodenkirchen spazieren. Dann genieße ich den Blick aufs Wasser und ruhe mich auch mal auf einer der vielen Bänke an der Promenande aus. Dabei fällt mir immer etwas Neues auf. Und wenn es auch mal nur ein Baum ist, der immer wieder anders aussieht. “

Ihr persönlicher Lieblingsplatz in NRW

„Am liebsten halte ich mich in einer schönen Kirche auf, wie etwa dem Dom in Köln. Ich bin auch gern in der Kirche Christi Auferstehung im Kölner Stadtteil Lindenthal. Ich habe sie Ende der 1960er Jahre selbst entworfen, und dennoch entdecke ich in der Kirche immer wieder etwas Neues.“

 

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Detailansicht der Hände: Peter Böhm modelliert eine Büste, © Ralph Sondermann, Tourismus NRW e.V.

Drei Fragen an Peter Böhm

Museumsfan & begeisterter Kölner

Sie haben 48 Stunden freie Zeit. Was würden Sie in dieser Zeit auf jeden Fall in NRW unternehmen?

„Ich würde auf jeden Fall einen Ausflug auf die Insel Hombroich machen. Das ist ein ganz außerordentlicher Ort, an dem sich Landschaft und Raum auf ganz besondere Weise verbinden. Das gibt es anderswo so nicht.“

Welchen Ort in NRW haben Sie zuletzt für sich neu entdeckt?

„Es gibt in Köln im Moment viele, ich nenne sie, versteckte Situationen, an denen gerade wieder Leben einzieht. Ein solcher Ort ist das Plätzchen an der Eiche in der Südstadt. Hier, rund um einen großen Baum, wächst gerade eine lebendige Szene. Die Menschen treffen sich hier spontan, reden miteinander, feiern oder genießen einfach ihren Feierabend. Und das nicht nur im Karneval ...“

Ihr persönlicher Lieblingsplatz in NRW

„Ich gehe gern am Rhein entlang von meinem Büro in Rodenkirchen zurück nach Hause in die Südstadt und genieße diese tolle Atmosphäre hier mit den großen Plätze und weiten Auen, die zum Picknicken und Spaziergehen einladen. Das ist städtisches Leben am Wasser auf so tolle und großzügige Weise, wie man es in der Stadt nirgendwo sonst findet.“

Lieblingsorte & Tipps der Familie Böhm


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Architekten-Dynastie Böhm: Gottfried und Peter Böhm sitzen in einem kleinen Erker mit den farbigen Jugendstil-Fenstern., © Ralph Sondermann, Tourismus NRW e.V.

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